Ganz Mitteleuropa plagt sich mit dem Borkenkäfer

Wanderer im Harz sind von toten Bäumen irritiert – der Borkenkäfer ist schuld. Die vom Wetter geschwächten Nadelbäume sind nahezu wehrlos.

Blick in einen von Borkenkäfern befallenen Nadelwald im Nationalpark Harz.

Blick in einen von Borkenkäfern befallenen Nadelwald im Nationalpark Harz.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Welcher ideologische Gedanke steckt dahinter, dass im Harz ein Urwald entstehen soll? Ich habe mit Forstleuten gesprochen, die sich wegen der Borkenkäfer-Verheerungen sogar Sorgen um den Tourismus machen…

Dies fragt unser Leser Kai Haller aus Braunschweig

Zum Thema recherchierte Marieke Düber

Braunschweig. Abgestorbene Fichten, kahle Waldflächen und Totholz auf dem Boden – für Touristen zeigt sich der Harz momentan nicht immer von seiner schönsten und vor allem: grünsten Seite.

Wo der Borkenkäfer am Werk war, hinterlässt er deutliche Spuren, besonders in den Fichten. „Die toten Bäume, das schockiert die Besucher“, räumt Friedhart Knolle ein, Sprecher des Nationalparks Harz. Die Natur bringe auch ungeschönte Bilder hervor, die nicht immer etwas mit dem Idealbild, das man von ihr habe, in Einklang stehen. Doch so schlimm es aussehen mag, all das gehöre zum natürlichen Kreislauf des Waldes, erklärt Knolle. Hinter dem Anspruch, ihn sich wieder zum Urwald entwickeln zu lassen, stecke außerdem keine Ideologie, er sei stattdessen vom sogenannten Nationalparkgesetz festgelegt. Und das sehe eben vor, dass sich die Natur in solchen Kernzonen selbst reguliere. Die Bäume altern, werden vom Käfer befallen und sterben ab. Wenn sie umfallen, können sie am Boden wieder Raum für neues Leben bieten – ein natürlicher Kreislauf, der nicht unterbrochen werden soll. Und auch wenn der Harz momentan durch den Borkenkäferbefall nicht immer eine Augenweide ist, auf den Tourismus hat das Knolle zufolge keinen Einfluss. „Wir leben in Zeiten, in denen die Leute so gut aufgeklärt sind, das sie das verstehen“, ist er sich sicher. Die Zusammenarbeit mit dem Harzer Tourismusverband habe ihn gelehrt, dass die Besucherzahlen durch den Käferbefall nicht gesunken seien.

Wer allerdings in diesem Jahr ziemlich unter dem Borkenkäfer zu leiden hat, sind die Landesforsten, und das nicht nur im Harz. Hier nehmen die Verantwortlichen schon eher mal das Wort „Plage“ in den Mund, wenn es um die Krabbeltiere geht. Denn der ungewöhnlich starke Borkenkäferbefall hinterlässt in den wirtschaftlichen Wäldern einiges an Schäden, die gar in Millionenhöhe liegen sollen.

Dass der Käfer so stark wüten konnte, hat natürliche Ursachen. Immerhin gab es in diesem Jahr ideale Brutbedingungen für die Insekten, so dass sich die Tiere sozusagen explosionsartig vermehren konnten. Dank Sturm „Friederike“ fanden sie schon im Frühjahr extrem viele Brutplätze im Sturmholz, und die heißen Temperaturen sowie das trockene Wetter des langen Sommers haben dafür gesorgt, dass sich die Käfer stärker als sonst vermehren konnten. Mehr Stürme, mehr Hitze, mehr Käfer – und dadurch auch mehr Schäden, das ist die logische Rechnung des Jahres.

Wo man in Deutschland hinblickt: Kaum gibt es ein größeres Waldvorkommen, hört man ebenfalls von den Borkenkäfern, die in die Bäume eingefallen sind. Insgesamt sollen in Deutschland 11 Millionen Festmeter vom Borkenkäfer befallen sein. Die Schätzung stammt von der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft. Wie Ralf Petercord, Leiter der Abteilung Waldschutz, unserer Zeitung auf Anfrage mitteilt, hat sich sich in Bayern der Borkenkäfer in rund 4 Millionen Festmetern eingenistet – das klinge zwar nach viel, aber gemessen an der Größe der Wälder in Bayern sei die Situation sogar noch überschaubar, sagt Petercord. „In Bayern ist es ernst. Aber wenn ich mal in andere Bundesländer blicke, dort ist es viel dramatischer“, meint er. Ähnlich sieht es auch in Baden-Württemberg aus, auch dort komme man im Vergleich zu anderen Ländern noch glimpflich davon, sagt Forstminister Peter Hauk (CDU). „Das liegt beim Käferholz auch an der guten Arbeit unserer Förster, Waldarbeiter und Waldbesitzer“, erklärt der Minister. Bis Anfang Dezember sind in Baden-Württemberg rund 1,4 Millionen Festmeter Käferholz angefallen worden. „Das entspricht in etwa dem gleichen Schaden, den der Käfer im Hitzejahr 2003 angerichtet hat“, erklärt er. Was man jetzt brauche, sei eine gute Winterfeuchte, mit Schnee und Regen, damit die Bäume im Frühjahr wieder vitaler sind. „Bleiben die Niederschläge weiter aus, könnte 2019 die nächste Käferholzwelle auf uns zurollen“, befürchtet Hauk. Er blickt aber auch über die Landesgrenzen: „In Mitteleuropa sind seit Sommer 2017 in Summe rund 100 Millionen Festmeter Sturm- und Käferholz angefallen“, sagt Hauk. „Fast ganz Europa ist vom Borkenkäfer betroffen“, bestätigt auch Hans-Werner Schröck von den Landesforsten in Rheinland-Pfalz auf die Nachfrage unserer Zeitung. Dort sehe es ziemlich schlimm aus momentan. Knapp 500.000 Festmeter mit Borkenkäferbefall gäbe es in dem Bundesland. „Wir haben ein Problem, da braucht man nicht drumherum zu reden.“

Fast bis in die Hochlagen hinein hätte man den Käferbefall entdeckt, erklärt Schröck. Von den gleichen Problemen kann das Land Nordrhein-Westfalen ein Lied singen. „Wir erleben derzeit den größten Borkenkäferbefall seit 1947“, heißt es seitens der Pressestelle des Landesbetriebes Wald und Holz. Nicht nur „Friederike“ hat die Bäume hier schon im Januar geschädigt: „Frappierend ist in diesem Jahr, dass die Fichten wegen der Witterungsbedingungen vielfach kaum beziehungsweise kein Harz absondern konnten“, heißt es in NRW. Dadurch hätten die Tiere ungehindert in das Holz eindringen können. Normalerweise schaffen es nicht so viele Käfer, sich durch die Rinde zu bohren. „Die Fichte wird ihre Stellung als Brotbaum der Forstwirtschaft in Nordrhein-Westfalen verlieren“, sagt der Sprecher.

Das liegt allerdings nicht nur unbedingt am Borkenkäfer, auch wenn die Fichten besonders anfällig für die Käfer sind. Ohnehin strebe man seit Jahren einen Wandel zum natürlichen Mischwald an, der im Gegensatz zu Fichtenwäldern auch klimastabiler ist. Für die Landesforsten der Bundesländer ist jetzt im Hinblick auf den Borkenkäfer vor allem eines wichtig: Das Holz muss rechtzeitig raus aus dem Wald. Es heiße jetzt schnell sein, sagt Hans-Werner Schröck. Man müsse die betroffenen Fichten fällen und bis Ende März abtransportieren. „Wenn wir das Holz nicht rechtzeitig rausholen, bevor die Borkenkäfer schlüpfen, haben wir nächstes Jahr ebenfalls große Probleme“, sagt Schröck.

Doch die Frage ist auch, wie soll das in diesem Ausmaß funktionieren? Denn der extreme Borkenkäferbefall ist anscheinend noch nicht Problem genug, es fehlen zur Zeit auch die Mittel, um das Holz aus dem Wald zu holen, um die gesunden Bäume zu schützen. Zu wenig Arbeitskapazitäten in den Wäldern, zu wenige LKW-Fahrer, die das Holz abtransportieren können, dafür aber jetzt schon viel zu viel Holz in den Lagern der Sägewerke – die meisten Bundesländer klagen über die gleichen Herausforderungen. Und selbst wenn jetzt doch schnell gehandelt werden kann, die Prognose von Ralf Petercord aus Bayern ist dennoch pessimistisch. Er prophezeit, dass auch das Jahr 2019 trotz aller Bemühungen ein schlimmes Borkenkäfer-Jahr wird. „Borkenkäferbefälle kommen immer in Wellen, meist nach schweren Stürmen“, sagt Petercord.

Die aktuelle Welle habe bereits 2015 begonnen. „Das hohe Niveau an Käfern war schon da, und das Wetter hat für uns alles nur noch schlimmer gemacht.“

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