Tony Christie in Braunschweig: Nie ein Schwerenöter wie Tom Jones

Braunschweig.  Der Brite gibt in der Stadthalle ein ungewöhnlich vielseitiges, ergiebiges, solides, wenn auch kein überschäumendes Konzert.

Tony Christie wagt vor knapp 400 Zuschauern in der Braunschweiger Stadthalle einen mutigen Repertoire-Mix. 

Tony Christie wagt vor knapp 400 Zuschauern in der Braunschweiger Stadthalle einen mutigen Repertoire-Mix. 

Foto: Rüdiger Knuth

Beim ersten Song in der zweiten Hälfte legt eine Zuschauerin eine Rose auf die Bühne. Tony Christie nimmt sie nach dem Song lächelnd auf: „Für meine Frau? Sie sitzt hinten und trinkt Prosecco.“ Er erzählt von der goldenen Hochzeit im vergangenen Jahr – und von seinem 75. Geburtstag, fasst sich ans Herz und humpelt ein paar Schritte. Der Brite war nie ein Schwerenöter wie Tom Jones. Auch bei seinem Abschiedskonzert am Mittwoch in der Stadthalle verzichtet er auf große Gesten. Unaufgeregt erzählt er über seine Songs aus fast 50 Jahren. Und wagt vor knapp 400 Zuschauern einen mutigen Repertoire-Mix.

Fünf Alben in den nächsten fünf Jahren

Abschiedstour? Das darf man wohl nicht so ernst nehmen. Tony Christie möchte in den nächsten fünf Jahren fünf neue Alben veröffentlichen. Das erste, „Pop-Nonsense“, sollte eigentlich kurz vor der Tour erscheinen. Nun ist es für April angekündigt. Acht Konzerte wurden in den Herbst verlegt. Er wolle sich auf die Aufnahmen konzentrieren, um einige der besten Songs zu bieten, die er je gesungen habe, so Christie, der bürgerlich Fitzgerald heißt. Die Alben, mit denen er die größten Erfolge in Deutschland hatte, gehören nicht zu seinen Favoriten. „Es war im Wesentlichen nicht meine Musik“, sagte er in Interviews über die biederen, von Jack White produzierten Tanztee-Schlager aus den 1990er-Jahren. Als dann sein ganz anders gelagertes 2008er-Album und „Now’s the time“ (2011) mit energiegeladenem Sixties-Pop hochgelobt wurden, kommentierte er: „Ich hatte wieder eine Art von Glaubwürdigkeit zurück.“ Auch wenn der Absatz nicht allzu groß war.

Tony Christie singt, was ihm selbst gefällt

Wie bringt man das live zusammen? Tony Christie präsentiert alle Facetten seines Schaffens und singt vor allem das, was er selbst gut findet. Der erste, lässig swingende Hit „Las Vegas“ ist ebenso dabei wie die Klassiker „I did what I did for Maria“ und „Don’t go down to Reno“. Er präsentiert seinen Ausflug ins Musical und „Avenues and Alleyways“, die Titelmusik der US-Serie „The Protectors“. Auch der Schlager „Moonlight and roses“ ist im Programm. Die sechsköpfige Band inklusive Trompete und Saxophon spielt alle Songs schwungvoll – und überraschend laut. Die Hälfte der Show gehört Rock, Pop und Blues, mit einer Auswahl von „Walk like a panther“ bis zum aktuellen „Key of U“. Gesanglich alles top: eine strahlende Tenorstimme, die ordentlich aufdrehen kann. Ein Highlight der Show ist die Edelballade „Like sister and brother“, einst ein Top-Hit der Drifters. Ein ungewöhnlich vielseitiges, ergiebiges, solides, wenn auch kein überschäumendes Konzert. Das Publikum steigt erst zum Schluss der knapp 90 Minuten richtig ein. Bei „Sweet September“ und der Zugabe „Amarillo“ schunkeln viele oder springen auf und singen ausgelassen mit. Klare Abschiedsworte gibt es nicht. Gewinnt Tony mit den neuen Alben viele Fans dazu, kommt er sicher wieder.

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