Michael Jacksons wunderbare Parallelwelt

Braunschweig.   Die Show „Thriller Live“ begeistert in der Stadthalle Braunschweig 1100 Zuschauer mit ungewöhnlichem Konzept. Kritische Töne fehlen völlig.

Packende Tanzszenen zeichneten die Show „Thriller live“ in der Stadthalle aus.

Packende Tanzszenen zeichneten die Show „Thriller live“ in der Stadthalle aus.

Foto: Peter Sierigk

Viele junge Leute kennen Michael Jackson vermutlich nur durch Menderes, den beharrlichen Imitator, der in 14 Staffeln der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ glücklos war. Ansonsten sind die großen Hits kaum noch zu hören. Wie sehr sie aber noch immer elektrisieren können, das zeigte nun die Show „Thriller live“.

Die Revue über den „King of Pop“ präsentierte am Sonntag in der Braunschweiger Stadthalle 32 Jackson-Hits aus vier Jahrzehnten – und riss 1100 Zuschauer mit einem ungewöhnlichen Konzept mit.

Schöpfer und Co-Produzent Adrian Grant gestaltete einst das Fanmagazin „Off the Wall“. Das gefiel Jackson so gut, dass er den 21-Jährigen für eine Reportage auf seine Neverland-Ranch einlud. Die beiden blieben in Kontakt. Grants Jackson-Revue erhielt den künstlerischen Segen des Superstars. Nach dessen Tod im Alter von 50 Jahren Juni 2009 wurde die Hommage erweitert. Inzwischen war sie bereits in 33 Ländern zu sehen.

Das Besondere an „Thriller live“: Es ist keine reine Imitationsshow. Vier Sänger (darunter ein Kind mit Afrofrisur) und eine Sängerin präsentieren die Hits. Nur zwei von ihnen sehen Jackson ähnlich. Mit einem großen, lässig, präzise und mit viel Energie agierenden Tanzensemble und einer starken Band werden Songs von „ABC“ bis „Black or White“ effektvoll in Szene gesetzt, meist nah am Original.

Straßenszenen, Mafia-Bars, Friedhof-Zombies, funkelnde Discos – die Kulissen wechseln elegant und schnell. Die sechsköpfige Band spielt größtenteils hinter einer Schiebetür, die für knallige Projektionen genutzt wird. Nur bei großen Momenten stehen die Musiker mittendrin, etwa beim Gitarrensolo in „Beat it“, das ursprünglich Eddie Van Halen spielte.

Plötzlich ist alles wieder da: der weiße Glitzerhandschuh, die rote Lederjacke, der ins Gesicht gezogene Hut und die weißen Socken mit Slippern; der Moonwalk und der Griff in den Schritt, die wuchtigen, vertrackten Bassläufe, die stilprägenden Seufzer und Kiekser und das flatternde weiße Hemd beim „Earth Song“. Frenetische Discohits, Trost spendende Balladen, die Kombination von R‘n’B und Pop und rhythmuslastige, kraftstrotzende Songs wie „They don’t care about us“.

Songs wie dieser reißen alle Zuschauer von den Sitzen. Immer wieder gibt es langen Beifall. Zwei Moderatoren ordnen alle Hits zeitlich ein und erzählen in englischer Sprache euphorisch von Jacksons Erfolgen. Differenzierte Töne gibt es nicht. Der Drill des Vaters, das zunehmend groteske Verhalten Jacksons abseits der Bühne, Skurrilitäten von Affe Bubbles bis zur Sauerstoffkammer, die Angst vor dem Älterwerden, der Verdacht auf Kindesmissbrauch – all das kommt nicht vor. „Thriller live“ ist eine Gute-Laune-Show, die das imposante musikalische und tänzerische Schaffen des scheuen Superstars feiert. Den Menschen bringt sie nicht näher.

Dass heutige Jugendliche Jacksons Werk kaum noch kennen, wie gemutmaßt, ist indes gar nicht so sicher. Bei Spotify werden Jackson-Songs monatlich 25 Millionen Mal angehört. Lenny Kravitz veröffentlichte jüngst den neuen Titel „Low“ inklusive originalem Jackson-Kiekser. Erfolgs-Rapper Drake baute in die Ballade „Don’t Matter To Me“ eine unveröffentlichte Jackson-Aufnahme von 1983 ein. 2020 wird es dann auch ein offizielles Broadway-Musical geben.

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