Neco Celik inszeniert “Moskau, Tscherjomuschki”am Staatstheater

Braunschweig  Regisseur Neco Celik lässt am Staatstheater Braunschweig Schostakowitschs charmante Operette “Moskau, Tscherjomuschki” ins Absurde driften.

Mit Volldampf in die Platte zieht es eine bunte Gruppe Sowjetbürger, denen eben irgendwo in idyllischen Stadtvierteln Moskaus der Altbau über dem Kopf zusammengebrochen ist. Unter reichlich süffigen Walzerklängen führt sie Dmitri Schostakowitsch in seiner Operette „Moskau, Tscherjomuschki“ von 1959 in die neue Mustersiedlung vor den Toren der Hauptstadt. Wo sich die deftig charakterisierten Typen zusammenraufen müssen und auch ein paar satirische Spitzen gegen die korrupte Parteiallmacht abfallen. Der Hausverwalter Barabaschkin verschafft dem Funktionär durch Zusammenlegung eine größere Wohnung, die nun Lidotschka fehlt.

Am Staatstheater Braunschweig kostet Regisseur Neco Celik die Typenkomödie durch Karikatur weidlich aus. Bühnenbild gibt es dafür allerdings kaum, stattdessen hat Stephan von Wedel langweilige Einraumschachteln auf die Drehbühne gestellt, die wie die Zwischenvorhangelemente mit Videos bespielt werden. Russische Birken für romantische Wohnvorstellungen wechseln mit Babuschkapuppen für klischeehaftes bürgerliches Glück. Fäuste und Hände entstammen der Propaganda, oft bleiben die Wände aber auch grau.

Nun waren ja Plattenbauten, die Kopie aus den grenznahen Städten wenige Kilometer östlich Braunschweigs hätte nahe gelegen, keine Traumkulissen. Aber von Wedels Abstraktion macht die Bühne unsinnlich. Echte Luftballons sind eben knalliger als gestreamte. Und von dem spektakulären Auftritt via Kran, mittels dessen der pfiffige Gelegenheitsarbeiter Boris der verehrten Lidotschka doch noch Zutritt in ihre Wohnung verschafft, bleibt nur eine Sängerin an Haltegurten. Als die Bürger mit Stehlampe und Gummibaum im Gegenlicht anrückten, sah das zunächst spannender aus, aber die Schachtelstadt bleibt öde.

Celik allerdings ist ein Virtuose der Personenführung, weiß die Massen zu einem Individuenschwarm mit hundert Details zu arrangieren. Der Chor zieht da wunderbar mit, entfaltet auch mitreißende Kraft. Wie überhaupt die spielfreudigen Sänger den Abend prägen. Allen voran Vincenzo Neri als sympathischer Traumtänzer Boris, der als Rosenverkäufer sein Glück machen will und dabei sein sehnendes Herz wie seinen geschleiften Rosenstrauß an die Frau zu bringen sucht. Neri lässt dazu seinen so weichen wie klangprächtigen Bariton in lyrischen Couplets ertönen.

Aber die Frauen des Sozialismus sind kompliziert. Jelena Bankovic als plötzlich wohnungslose Lidotschka glänzt in blühenden Kantilenen, lässt den armen Boris aber im Ungewissen. Als selbstbewusste Handwerkerin Ljusja trumpft Ivi Karnezi mit kräftigem Sopran auf und lässt den agilen Chauffeur Sergej (Matthias Stier) schmachten. Und Carolin Löffler als luxussüchtige Wawa heizt ihrem Funktionär (Michael Eder) bei allem ranschmeißerischen Gepiepse tüchtig ein, um ihre Ansprüche durchzusetzen. Löffler macht das auch sängerisch zum Kabinettstück mit rassigem Ton. Dagegen steht die bürgerliche Milde Milda Tubelytes als Mascha, die sich mit ihrem intellektuellen Mann (Maximilian Krummen) über die erste gemeinsame Wohnung und nicht quietschende Türen freut.

Das ist natürlich auch Kleinbürgersatire, bekommt aber seinen Charme dadurch, dass sich am Ende das Volk zusammentut, um Lidotschkas Ansprüche gegen den korrupten Parteiapparat durchzusetzen. Regisseur Celik hat offenbar auch diesen Traum verloren und lässt die Figuren im Anschluss an eine ähnliche Video-Sequenz mit Festbankett im Weißen Saal des Staatstheaters auch auf der Bühne in Galaroben der Zarenzeit schlüpfen oder was so putineske Kleinbürgerträume sind. Bis zum Gruppenbild mit Eisbär, Turniertänzern und dem Hausverwalter (Eugene Villanueva) auf der Kloschüssel. Diese Überzeichnung ins Absurde nimmt dem Werk am Ende die Poesie und Aufbruchsstimmung, die der Tscherjomuschki-Walzer entfaltet, schließlich bringt Schostakowitsch neben Korruption und Egoismen auch Bauernschläue und Gemeinschaftsgeist in Stellung. Zumindest das Potenzial zur Menschlichkeit müsste unter der Satire noch glühen.


Vor lauter Walzern und Galopp wähnt man sich musikalisch zunächst fast in Wien, bevor die Lieder mehr russisches Kolorit einbringen. “Genosse Kapellmeister” Iván López Reynoso am Pult des genüsslich aufspielenden Staatsorchesters gibt da tüchtig Schmackes, lässt die Pauke knallen, wechselt rasant zwischen den Tempi und Temperamenten, gezupften und gestrichenen Walzern, lyrischen Liedern und Chorpower. Angesichts der wenig komplexen Musik und der immer konfuser werdenden Handlung, hat das Werk auch seine Längen. Da sind tanzende Blumentöpfe nicht jedem eine Hilfe. Kleckerte der Applaus den Abend über nur so dahin, wurde die Produktion am Ende doch noch überraschend vehement mit Jubel und Bravos gefeiert. Der tolle Einsatz des Ensembles hat’s verdient.

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