Die dunklen Schatten von 1968

Braunschweig  Die Vita-Mine zeigt den Nachlass von Ellinor Michel. Die Malerin hatte ein bewegtes Leben.

Der Vorteil kleiner Galerien ist ihr unkonventionelles Programm. Aufmerksame Galeristen entdecken Kunst neben dem Mainstream, die verloren wäre, wenn sie nicht eine Nische fände. So in der Braunschweiger Vita- Mine, wo Thorsten Stelzner in drei Jahren neben Literarischem bereits 16 Ausstellungen hiesiger Künstler ins rechte Licht setzte.

Die Malerin Ellinor Michel ist eine dieser Überraschungen. Sie wurde nur 68 Jahre. Elf Jahre nach ihrem Tod hängen ihre Arbeiten in der kleinen Galerie, vermittelt durch einen Braunschweiger Bruder. Kein Gesamtwerk, nur Reste einer Malerei, die deutliche Hinweise auf ihr persönliches Leben im Berlin der 1968er-Generation zeigen, Liebhaber fand und sich gut verkaufen ließ.

Weder innovativ noch provozierend sind ihre Bilder, auf den ersten Blick eher vertraute Motive in handlich überschaubaren Formaten: Interieur und Landschaft, Kreuzberger Stadtansichten und süße Mädchen, Blüten und Blumen, Frühling und Winter. Doch die Vielseitigkeit der Motive steckt voller Emotionen, die dunkle Schatten werfen.

Vom Biedermeierzimmer zum Totenlager ist es nur ein Schritt, von der Blumenwiese zu Mogadischu wachsendes Erschrecken. Auffallend die lebendigen Himmel, mit und ohne Wolken, expressiv in Form und Farbe, auffallend bedrohliche Details, blutbesudelt, dunkle Rätselgebilde in scheinbar heiler Welt.

Das Konvolut von gut 30 Ölbildern entstand zwischen 1963 und 1988, als Ellinor Michel in der Kreuzberger Künstlerszene lebte, zwischen 68er-Revolte und Flower-Power-Vita, voller unkonventioneller Freuden, Liebe und Enttäuschung. Malen war ihr eine notwendige Ausdrucksform, schon seit ihrer Kriegskindheit, gefördert von den Pflegeeltern und dem Kunststudium in Karlsruhe und Stuttgart.

Sie schloss sich nie einer angesagten Avantgarde an, sondern verließ sich auf das eigene emotionale Mitteilungsbedürfnis. Einige Jahre war sie in Berlin mit dem späteren Terroristen Andreas Baader liiert. Die gemeinsame Tochter lebt heute in Paris. Politik und Gewalt lagen Michel immer fern und führten auch zum Zerwürfnis der Beziehung. Sie tauchen aber als Bedrohung in surrealen Elementen ihrer Bilder auf.

Der Ausdruck ihrer Malerei spiegelt ihre persönliche Befindlichkeit wider, er ist aber auch ein Zeitzeugnis für das Lebensgefühl der jungen Nachkriegsgeneration.

Bis 13. Mai in der Vita-Mine, Karl-Marx- Straße 6. Geöffnet Mo-Fr 10-13 Uhr, Mo, Mi, Do 17.30-19.30, So 14-17 Uhr.

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