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"Hart aber fair": Wut auf unseriöse Anbieter im Energiemarkt

| Lesedauer: 7 Minuten
Das ist "hart aber fair"

Das ist "hart aber fair"

Die polarisierende Politik-Sendung im Ersten mit Moderator Frank Plasberg gibt es nun seit stolzen 20 Jahren. Jeden Montag finden sich diverse Gäste in einer hitzigen Diskussionsrunde wieder.

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Berlin  Die Strom- und Gaspreise in Deutschland explodieren: Die Runde bei "Hart aber fair" diskutiert die Auswirkungen auf die Bevölkerung.

In seiner neuen Oppositionsrolle übte Tilman Kuban (CDU) gleich mehrfach den Angriff, allerdings mit wenig Erfolg: "Zu Ihrer Erinnerung: Sie waren Bundesumweltminister als das Projekt Nord Stream gestartet wurde, da können Sie sich jetzt nicht einfach so rausreden", setzte der Vorsitzende der Jungen Union gegen Ende von "Hart aber fair" noch einmal an. "Sie müssen jetzt mal sagen, wollen Sie das Gas aus Russland?"

"Sie müssen mal lernen, zwischen Nord Stream 1 (via Ukraine) und 2 (direkt aus Russland ) zu unterscheiden", giftete Jürgen Trittin zurück. Eingeladen als Vertreter der Ampel-Regierung erklärte er dann, dass die Ukraine-Pipeline dreimal so groß und deshalb viel wichtiger für die Grundversorgung mit russischem Gas war. "Ich bin skeptisch, ob wir Nord Stream 2 brauchen, um unseren Gasbedarf zu decken."

Da war die wiederkehrende parteipolitische Kabbelei schon bei den geopolitischen Problemen der Energieversorgung angelangt. Und war ohnehin wenig hilfreich in der aktuellen Situation, in der sich "die Strompreise mit den Gaspreisen einen Wettlauf" lieferten und die Preissteigerungen den Urlaubsetat vieler Familien geradezu wegschmelzen ließen.

"Hart aber fair": Diese Gäste waren dabei

  • Harald Lesch, Professor für Theoretische Astrophysik
  • Jürgen Trittin (Die Grünen), Bundestagsabgeordneter
  • Kerstin Andreae, Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft
  • Tilman Kuban (CDU), Bundestagsabgeordneter
  • Wolfram Weimer, Publizist und Verleger
  • Christina Wallraf, Energieexpertin

Selbst der "Galgenhumor" nutzte in der angespannten Lage wenig, mit dem Frank Plasberg zu Beginn alle Zuschauer begrüßte, die an diesem Montag trotz der steigenden Stromrechnungen noch Fernsehen schauten. Falls nicht, hatte sie oder er allerdings nicht wirklich etwas verpasst: So viele verschiedene Aspekte wurden angetippt, so wenig belastbare Auskünfte sind dabei herausgekommen. Sogar die genannten Fakten mussten noch auf einen gründlichen Check warten (bis Dienstagmittag), bevor sie als gesichert gelten konnten.

Wer oder was war verantwortlich, dass die Energiepreise gerade durch die Decke gingen? Nur eines war sicher: Nicht die Elektro-Mobilität, dafür war sie noch zu unbedeutend.

Strompreise: Die Auswirkungen von zu hohen Kosten

Schlimmer waren sowieso die Auswirkungen: Wolfram Weimer sah schon die "Kernindustrie Deutschlands" abwandern, vor allem nach China, wo die Kilowattstunde nur einen Bruchteil kostete. Schließlich hatte "ein Unternehmen wie BASF einen jährlichen Energiebedarf wie ganz Dänemark", erklärte er. "Bei den Energiekosten sind wir die Teuersten", stellte er fest und zitierte dazu das Wallstreet Journal, das Deutschland eine "dumme Energiepolitik" bescheinigt hatte, weil es gleichzeitig aus Atomkraft und Kohle aussteigen wollte.

Er sah aber auch einen großen "sozialen Schaden", wenn die Bundesregierung nicht – wie zum Beispiel die osteuropäischen Länder – mit Mehrwertsteuersenkungen auf die explodierenden Energiekosten reagierte: Etwa zwei Millionen deutsche Haushalte froren, weil sie sich entscheiden mussten, ob sie heizen oder essen wollen. Sie sollten einen Heizkosten-Zuschuss erhalten, versprach Jürgen Trittin zur schnellen Abhilfe – ab wann genau, blieb aber unklar. Lesen Sie dazu: Heizkostenzuschuss: Wer mehr Geld bekommt und wie viel

Ebenfalls als Erste-Hilfe-Maßnahme war die Abschaffung der EEG-Umlage geplant, stellte er vor, die er als Bundesumweltminister (1998-2005) selbst eingeführt hatte: Als Investitionsanschub für erneuerbaren Energien, sollte die Abgabe ursprünglich die Bürger "nicht mehr als eine Kugel Eis" kosten. 17 Jahre und drei Regierungen später waren es tatsächlich zwölf Kugeln bzw. zwölf Euro. Trotzdem global ein Erfolg, betonte der Bündnis90/Grüne-MdB und freute sich, "mit welcher Begeisterung RWE inzwischen Windturbinen in Texas aufstellt und damit Geld verdient."

Wahlkampf: Jetzt doch noch kein "Klimageld für alle"

Und wo blieb das "Klimageld für alle", fragte Frank Plasberg hartnäckig nach. Im Wahlkampf noch als "Energiegeld" beworben, hatte Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck bei der Vorstellung seiner Pläne vor zwei Wochen jedenfalls dazu kein Wort mehr verloren, konstatierte er.

"Dazu besteht momentan keine Notwendigkeit", erwiderte Trittin und erläuterte, warum: "Das Klimageld ist gekoppelt an die CO2-Bepreisung, die auf EU-Ebene noch beschlossen werden muss." Mit anderen Worten: Schnell geht anders, kommentierte Frank Plasberg. Mehr zum Thema: Energiekosten: Ampel will Bürger mit Klima-Bonus entlasten

Die Zuschauer, die sich bei Zuschaueranwältin Brigitte Büscher meldeten oder im Gästetagebuch der Sendung, waren mit ihrer Einsicht da schon viel weiter: Sie erwarteten weiterhin steigende Energiekosten, ärgerten sich selbstverständlich darüber oder wunderten sich – wie wenigstens ein Zuschauer aus Cottbus –, wie wenig eine Kilowattstunde immer noch kostete, "wenn man weiß, wie schwer Energie zu gewinnen ist".

"Wo steht denn geschrieben, dass Strom billiger werden muss?", fragte Harald Lesch. "Alles andere wird doch auch teurer." Der bekannte ZDF-Wissenschaftsmoderator und Professor für Theoretische Astrophysik an der Uni München mahnte, dass "man den Stromverbrauch nahezu halbieren" müsste, um noch die Klimaziele von Paris zu erreichen. Stattdessen hätten wir in den letzten Jahren "elektrische Energie zu einer Ware gemacht, die zwar einen Preis, aber keinen Wert hat", diagnostizierte er, "wir sind energetisch verfettet."

"Der Weg in eine nachhaltige Wirtschaft ist der einzige, der uns vor einer globalen Erwärmung noch irgendwie retten kann", bekräftigte er die Aussagen der Wissenschaft zum Klimawandel. Dass die EU zu Jahresbeginn die Atomkraft als "umweltfreundlich und nachhaltig" bewarb, erschien ihm "verrückt" – die "Ewigkeitskosten" dieser Technologie stünden in keinem Verhältnis. "Man muss schon einen sehr schrägen Begriff von Nachhaltigkeit haben, um Kernkraft so zu bezeichnen."

Auch Kerstin Andreae versicherte, dass kein deutscher Betreiber zur Atomkraft zurückwollte, "das ist viel zu teuer." Früher einmal Grünen-Bundestagsabgeordnete, sah die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasser (BDEW) stattdessen voraus, dass sich die Entwicklung auf den Märkten bald entspannen würde, "ein Stück weit".

Stromdiscounter-Kündigungen sind rechtswidrig

Was aber sollten die Millionen Kunden nun tun, die zum Jahresende durch die Kündigung ihres bisherigen Stromlieferanten, zum Beispiel Stromio, kalt erwischt wurden? Unisono war sich die Runde sicher, dass die Kündigungen unlauter bis rechtswidrig waren, weil Verluste nach geltendem Recht kein Kündigungsgrund waren, sondern unternehmerisches Risiko.

Im Einzelgespräch mit Christina Wallraf, Energieexpertin der Verbraucherzentrale NRW, lieferte "Hart aber fair" dann endlich doch noch ein paar handfeste Tipps für all jene, die sich von ihrem Stromdiscounter "betrogen und im Stich gelassen" fühlten. Sie riet, schnellstens einen neuen Stromlieferanten zu suchen, statt den teuren Grundversorger-Tarif zu akzeptieren. Gleichzeitig sollten die Betroffenen an den Ex-Lieferanten Schadensersatzforderungen stellen: mithilfe eines eigenen Anwalts, der Energieberatungsstelle oder des Musterbriefs, wie er auf der Website der Verbraucherzentrale zu finden war.

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