Braunschweiger Dichterin: „Mit dem Herzen schreiben“

Braunschweig.  Die ehemaligen TU-Religionspädagogen Christine Lehmann und Martin Schmidt-Kortenbusch haben einen Gedichtband vorgelegt: „Verwandlung“.

Die ehemaligen TU-Religionspädagogen Christine Lehmann und Martin Schmidt-Kortenbusch.

Die ehemaligen TU-Religionspädagogen Christine Lehmann und Martin Schmidt-Kortenbusch.

Foto: Kaderas (privat)

Hacker haben auch was Gutes. Mangels Dienstmailordners gräbt man die Bücher- und CD-Stapel durch, die sich im Lauf des Corona-Jahres auf dem Büroschreibtisch angesammelt haben und nun im Homeoffice durchleuchtet werden. In hoffnungsvollem Hellgrün taucht da die Gedichtsammlung „Verwandlung“ auf. Ja, jetzt ist Zeit für Lyrik. Knappe Worte, die schwingen müssen beim Blick durchs Fenster, nicht ins Großraumbüro. Januarniesel und Lockdown bilden plötzlich das angemessene Grundrauschen für das prägnante Gedicht „Wir“:

„Du nicht hier/ Und doch bei mir/ Tragdichbeimir/ Trägstmichmitdir// Tag für Tag/ Nacht für Nacht/ Du-Ich-Wir“.

So geht es einem jetzt mit den wirklich guten Freunden, denen, die man nicht zum Spazierengehen über den Acker oder beim Marktbummel hinter Masken zum Klönen treffen kann. Da fasst einen die Zusammenschreibung „Tragdichbeimir“ schon wohlig an. Und die Tag-Nacht-Gleiche lässt religiöse Geborgenheit mitklingen, das „Du-Ich-Wir“ die allseits gefragte Solidarität.

Auslöser war ein Trauerprozess

Autorin Christine Lehmann hat das Gedicht freilich in die Rubrik „Leben und Tod“ einsortiert, offenbar war eine endgültigere Trennung der Anlass, geht es um die Erinnerung an einen Toten, die nun ins Leben integriert wurde. Am Telefon bestätigt Christine Lehmann, ehemalige evangelische Religionspädagogin an der TU Braunschweig, den Ansatz. „Tatsächlich habe ich während eines Trauerprozesses begonnen, Gedichte zu schreiben, um das Unabänderliche zu verarbeiten. Später habe ich dann aber gemerkt, dass viele Gedichte gar nicht mehr von Trauer handelten. Und so habe ich weitergemacht.“ Für sie als Wissenschaftlerin, die sonst faktisch und mit Fußnoten schreiben musste, war die Lyrik mit ihren freien Gedankenflügen und der Emotionalität ein guter Ausgleich. „Hier durfte ich mit dem Herzen schreiben“, sagt sie sehr poetisch.

Gleichzeitig verhindert die Notwendigkeit der Konzentration und Verknappung aber ein Abgleiten in Sentimentalität. Ihre Gedichte haben schon meist eine Nutzanwendung, einen Gedankenanstoß, der aus dem bloßen Empfinden wieder herausführt ins Leben.

„Das Leben/ Verlangsamen/ Durch Schreiben// Gedanken/ Gestalten/ Buchstaben// Wirrnis/ Wegschreiben// Wach werden/ Leicht werden// Erleichtern“. Man schaut Lehmann hier förmlich beim Dichten zu und wird dabei mit hinaufgezogen zu freierem Dasein.

Projekt für die Pensionierung: ein Buch

Lehmann schenkte einst ihrem Kollegen Martin Schmidt-Kortenbusch, damals katholischer Religionspädagoge an der TU Braunschweig, ein Gedicht zum Geburtstag. „Und so kamen wir ins Gespräch übers Dichten, denn er schrieb schon seit seiner Schulzeit Gedichte. Wir haben uns dann gegenseitig unsere Ergebnisse gezeigt. Und als die Kollegen uns zur Pensionierung fragten: Was macht ihr nun?, haben wir gesagt: ein Buch.“ In dem hellgrünen „Verwandlungs“-Bändchen teilen sie sich jetzt immer eine Doppelseite, links ihrs, rechts seins. „Lyrik im Dialog“ steht daher im Untertitel.

„Die Gedichte nehmen nicht direkt aufeinander Bezug, aber sie passen immer zu den Themenkreisen, in die wir das Buch unterteilt haben. Die Auswahl hat der jeweils andere getroffen – manchmal nicht die, die ich selber gewählt hätte“, sagt Christine Lehmann. Auch Tipps zum Gedicht des anderen seien aufgenommen worden, „aber jeder hat über seine Textfassung selbst entschieden.“

Auch gesellschaftskritische Gedanken

Schmidt-Kortenbuschs Beiträge sind vielleicht grundsätzlich gesellschaftskritischer, politischer. Ein Gedicht heißt Globalisierung, endet aber in einem rhythmisch gesponnenen Schlussappell: „Dem Wahnsinn entgegen/ Worte weben/ ins Leben,/ ins Weite geben,/ gegenwärtig sein,/ ganz und/ klar.“ Passt zur Rubrik „Anpassung und Widerstand“. Stark auch seine mehrstrophige Widerrede „Wir Realisten“: „Wer will das?/ Täter rechtfertigen sich nicht.// Ausbeuter,/ Folterer,/ Mörder/ gnadenlos freigesprochen vom Richtergott Nichts,/ Opfer/ lebenslang zum Erlittenen verdammt./ – Nihilismus in fahlen Gesichtern.// Das will ich nicht./ Denn ich verabscheue/ die Bahnen des Nichts/ und seine Gleichmacherei./ Denn ich liebe/ Vertrauen,/ das aus der Tiefe kommt./ Vernunft fordert,/ in Liebe ahnungsvoll hörend,/ den Klang/ unvergänglichen Geistes,/ geschenkte Gerechtigkeit/ für alle und immer.“

Zu den kunstvollsten Beiträgen gehört Christine Lehmanns „Durch den November mit Kästner“, ein Gedicht, das quasi im Dialog mit Erich Kästner dessen Gedicht „Der November“ variiert. Eine Entdeckung übrigens auch dieses bei dem sonst als Humoristen geehrten Schriftsteller. Sie übernimmt das Versmaß und manche Schlüsselwendungen, verknappt die Strophen und dichtet ihre eigenen Erfahrungen hinein: „Nun werden Kränze feilgeboten./ Als Lebende besuch’ ich meinen Toten./ Was du erlebt, es steht mir noch bevor./ Ja, der November trägt den Trauerflor.“ Bei Kästner hieß es: „Wer noch nicht starb, dem steht es noch bevor./ Und der November trägt den Trauerflor.“

Dialog mit Erich Kästner

Nun aber dringend noch was aus der Rubrik „Hoffnung“, denn das Bändchen macht durchaus nicht traurig, sondern ausgeglichen beim Lesen: „Und doch/ Getragen/ In dieser/ schaurig-schönen/ Welt// Lächeln/ Fürsorge/ Ermutigung// Haltlos noch/ Und doch/ Nicht/ wurzellos/ GottseiDank“, so Lehmann. Noch knapper Schmidt-Kortenbusch: „Lieder/ einer/ anderen Welt/ singen uns// gesund“.

Christine Lehmann/Martin Schmidt-Kortenbusch: „Verwandlung. Lyrik im Dialog“. Hrsg. Vom Arbeitsbereich Religionspädagogik der Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig. ISBN 978-3-00-066011-5. 10 Euro. Der Erlös geht ans Präventionsnetzwerk Kinderarmut der Stadt Braunschweig.

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