Kleine Theater der Region kämpfen ums Überleben

Braunschweig.  „Existenzangst begleitet einen ja immer schon“: Mit Fantasie retten sich Kreative in Braunschweig und Wolfsburg bisher über den Lockdown.

 Andrea Haupt (links) und Brigitte van Lindt vor ihrer Wolfsburger Figurentheater Compagnie.

Andrea Haupt (links) und Brigitte van Lindt vor ihrer Wolfsburger Figurentheater Compagnie.

Foto: Theater

Wer je erlebt hat, wie ansteckend Tania Klinger lachen kann, mag es gar nicht für möglich halten. Wie soll man denn der Clown sein, bitte schön, mit Maske? Wo die Kinder das Lachen doch gar nicht sehen können?! „Nun ja, das stimmt natürlich“, sagt die Spielerin des Braunschweiger Ein-Frau-Theaters „Feuer und Flamme“. „Aber das muss man dann eben durch intensives Augenspiel und besonders skurrile Gestik wettmachen.“ Auch die spontane Annäherung geht natürlich nicht. „Wir bleiben im Türrahmen stehen. Wenn sie sich freuen und auf uns zulaufen, muss man sie dezent auf Distanz halten. Ist auch nicht so leicht.“

Krankenhaus-Clownin

Aber was ist schon leicht in diesen Tagen? Vor allem für die kleinen, auch ohne Corona notorisch klammen Kulturanbieter? Aber Tania Klinger klingt am Telefon durchaus heiter. Sie ist dankbar, dass sie immerhin noch als Klinik-Clownin arbeiten kann, sagt sie. Überhaupt: Wenn man sich so umhört unter den Kleinkünstlern, dann fallen einem Wörter ein wie: tapfer, unverdrossen, kreativ. Von so einem dahergelaufenen Virus, so scheint es, wollen sie sich nicht klein kriegen lassen. Oder, wie Tania Klinger es lapidar formuliert: „Wenn man sich für so einen Beruf entscheidet, begleitet einen die Existenzangst ja immer schon.“

Unterstützer

Und da gibt es immer auch Unterstützer. Für Elternvereine hat sich die Theaterspielerin nun auch ans Filmen gewagt. Es entstehen mehr als 30 etwa 10 Minuten lange, kurzweilige Filme für kleine Patienten. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Christian Weiß hat Tania Klinger ein Projekt für das Westliche Ringgebiet erarbeitet: einen Audiowalk für zwei Personen – im Idealfall ein Erwachsener und ein Kind – mit Aufgaben, Spielen und Geschichten entlang des Braunschweiger Ringgleises. „Das war ganz gut nachgefragt, wir hoffen, dass wir es im Frühjahr wieder aufnehmen können.“

In ihrem Theater plant Tania Klinger ein Stück für Kinder ab drei über die Welt der Gegensätze. Das Weihnachtsgeschäft, ganz entscheidend für solche Truppen, ist weggebrochen, die Verwaltung, die Antragstellung nehmen viel Zeit und Nerven in Anspruch. Aber, so Tania Klinger: „Wir haben tolle Förderpartner, alle für 2020 zugesagten Mittel bleiben weiter bestehen.“ Explizit lobt sie die Stadt Braunschweig für ihre finanzielle Hilfe. All das hält sie zuversichtlich. „Ich gebe mir große Mühe, nicht aufzugeben“, sagt sie. Und wenn sie ihr Publikum allzu sehr vermisst? „Dann gehe ich an meinen Schrank für die Gästebücher zu unseren gespielten Produktionen und lese die begeisterten Kommentare!“

Positive Aspekte

Auch das zwei-Frauen- Theater Wolfsburger Figurentheater Compagnie vermag bei allen Sorgen und Kümmernissen wegen des Corona-Lockdowns der Situation auch positive Aspekte abzugewinnen. Man habe alle Anträge für Projekte im Rahmen der Bundesinitiative „Neustart Kultur“ durchgekriegt, berichtet Figurenspielerin Andrea Haupt. Nicht nur für Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen. Sondern auch für sogenannte Stipendien. „Da sind wir froh, denn derartige Hintergrundrecherchen bleiben sonst in der täglichen Theaterarbeit auf der Strecke. Ihre Kollegin Brigitte van Lindt forsche derzeit über die alte japanische Erzähltradition des Kamishibai mittels Papiertheater. Andrea Haupt: „Das ist sehr gut geeignet für Kleingruppen. Nicht nur für Kinder, sondern auch im Seniorenbereich, etwa für Demenzpatienten. Mit entsprechenden Einrichtungen arbeiten wir eng zusammen.“

Theatrale Hospizarbeit

Sie selbst will die Zwangspause nutzen, um sich über theatrale Möglichkeiten in der Hospizarbeit zu informieren, etwa im Kinderhospiz in Zusammenarbeit mit den Angehörigen. „Das hat mich schon immer brennend interessiert.“ Mehr kann Andrea Haupt dazu noch nicht sagen, denn: „Meine Recherche beginnt gerade erst.“ Wir verabreden uns zu einem neuen Gespräch über dieses Thema im Frühjahr.

Darüber hinaus sind die Künstlerinnen in ein Filmprojekt des Wissenschaftszentrum Phaeno involviert. Soeben habe die Stadt Wolfsburg den Mietvertrag für ihr Haus bis 2026 verlängert. „Wir können dort miet- und nebenkostenfrei agieren.“ Auch und vor allem arbeiten die beiden an einer Inszenierung für Kinder: „Manege frei für Bella“. Denn dem Digitalen stehen sie zwar offen, aber nicht begeistert gegenüber: „Was uns nährt“, sagt Andrea Haupt, „wofür wir einst angetreten sind, das ist doch der direkte Kontakt, der unmittelbare Austausch von Aktion und Reaktion mit unserem Publikum, das Sprechen darüber.“

Inszenierungsstau

In einer besonderen Situation ist Miriam Paul. Sie hat das Braunschweiger Theater Fadenschein erst kurz vor Corona übernommen. „In einem Spielplan konnte ich mich noch nicht beweisen“, sagt sie. „Ich muss um Vertrauen bitten.“ Das sei derzeit naturgemäß nicht leicht: „Wir haben inzwischen einen Inszenierungsstau. Mit den ,Wichtelmännern‘ habe ich am 6. Februar die dritte Premiere terminiert.

Im Herbst gibt es womöglich die vierte.“ Zum Jahresabschluss sei sie mit einem blauen Auge davongekommen. Auch sie lobt wie Tania Klinger den Notfallfonds der Stadt Braunschweig mit dessen Ausfallhonoraren. Auch Besucher erwiesen ihre Solidarität, indem sie den Preis von Karten für nicht gespielte Aufführungen spendeten und nicht zurückforderten. Der organisatorische Mehraufwand sei allerdings erheblich. Während unseres Telefonats kräht ein Säugling dazwischen. Miriam Paul lässt sich davon weder die Ruhe noch die Laune stören. Sie hat drei Kinder. Ihr Mann, sagt sie, unterstütze sie sehr. Sie selbst verdiene derzeit in ihrem Theater kein Geld.

Auch sie nutzt die aufführungsfreie Zeit für Recherchen: über die Braunschweiger Puppenspiel-Tradition und den Pionier Harro Siegel. „Dazu bleibt sonst keine Zeit.“ Ihr neues Stück für kleine Kinder heißt „Schwebende Inseln“ und ist bereits auf Corona abgestimmt: „Kinder mögen es nicht, auf Abstand zu sitzen. Sie sitzen neben einem schwarzen Loch und fühlen sich nicht wohl.“

Eine neue Lüftungsanlage ist installiert und ein neues Kassenhäuschen im Hof „schrie geradezu nach interaktiver Animation.“ Die geht los, wenn man klingelt…

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