Reinhold Beckmann: „Es gibt nichts Besseres, als live zu spielen“

Gifhorn.  Der 64-Jährige möchte am Sonntag in Brome auftreten. Im Interview spricht er über die Corona-Zeit, seine Musik und Eintracht Braunschweig.

Reinhold Beckmann plant für Sonntag einen Auftritt in Brome im Kreis Gifhorn.

Reinhold Beckmann plant für Sonntag einen Auftritt in Brome im Kreis Gifhorn.

Foto: Steven Haberland Images / Privat

Über Jahrzehnte war Reinhold Beckmann vor allem als TV-Sportmoderator und Talker bekannt. Mittlerweile hat der 64-Jährige das Fernsehstudio gegen kleine Konzertbühnen eingetauscht. Dort singt der Hamburger etwa über Politik und die Schrulligkeiten des Lebens. Am Sonntag, 1. November, spielt Beckmann ab 17 Uhr im Remmler-Hof in Brome – sofern die steigenden Corona-Infektionszahlen das weiter zulassen – und stellt dort sein neues Album vor, das im Februar erscheint. Wir sprachen mit ihm über den Umgang mit der Corona-Krise, seinen TV-Konsum und die Sportschau.

Herr Beckmann, ziemlich genau heute vor neun Monaten wurde der erste Corona-Fall in Deutschland bekannt. Wie haben Sie dieses bislang einzigartige Jahr unter Corona-Gesichtspunkten erlebt?

Ich bin mit vielen Musikern und auch einigen Schauspielern befreundet, die der Corona-Lockdown hart getroffen hat. Für viele ist das existenziell ein echtes Horrorszenario. Aber auch wir, in unserer Produktionsfirma „beckground tv“, hatten zu Beginn von Corona einige Herausforderungen zu bewältigen. Eigentlich sollten wir für die ARD 14 Late-Night-Sendungen zur Europameisterschaft produzieren. Alles war auf den Weg gebracht, dann kam die Absage der EM. Für ein mittelständisches Unternehmen nicht so einfach. Das war für uns eine harte Probe. Aber jetzt stehen wir zum Glück wieder stabil da.

„Balkonien“ ist Ihr Soundtrack zur Corona-Krise. Sie singen „Zwischen Tauben und Begonien bin ich König in meinem Nest“.

Es war eine spontane Idee. „Balkonien“ war ja für viele von uns der tröstende Fluchtpunkt im Lockdown. Wir haben diesen Song bei mir zu Hause aufgenommen. Ein kreativer Schnellschuss, der sehr viel Spaß gemacht hat. Im Moment bin ich auf den letzten Metern für die neue CD „Haltbar bis Ende“, die am 19. Februar erscheint. Ein komplett neues Soundabenteuer.

Lieder handeln von Schrulligkeiten des Lebens, Politik und sind manchmal melancholisch

Was haben Sie in den neuen Liedern verarbeitet? Sind sie inspiriert von der Corona-Zeit?

Nein. Überhaupt nicht. Das wäre auch der völlig falsche Ansatz, jetzt eine Platte ausschließlich über Corona zu machen. Die Leute haben ein großes Bedürfnis nach Normalität und Sehnsucht nach ganz anderen Themen. Wir werden schon in Brome einige der neuen Stücke vorstellen. Politische Themen sind darunter, aber auch Songs, die sich den Schrulligkeiten des Lebens widmen. Die unperfekten Momente halt, die ja jeder kennt. Und wie immer sind natürlich auch ein paar melancholische Balladen im Repertoire. Ich bin übrigens sehr gespannt auf Brome. Vor zwei Jahren haben wir draußen gespielt, jetzt spielen wir im Saal, der von der Architektur her ganz besonders sein soll.

Zwischen Country und Folk ist Ihre Musik angesiedelt, weshalb?

Ich bin ein absoluter Fan des Geschichtenerzählens, wie es in der Countrymusik ja gang und gäbe ist. Und ich bin mehr denn je ein großer Verehrer der Texte von Bob Dylan. Auf der neuen Platte, die ich mit Martin Gallop produziert habe, sind daher auch ein paar Countrysongs dabei. Martin und ich sind übrigens Brüder im musikalischen Geiste. Wir haben die gleichen Vorbilder, die gleiche Musikgeschichte der 70er und sind beide Gitarristen und Geschichtenerzähler. Das hat einfach gepasst.

Dokumentationen über die Grünen und Jan Fedder produziert Beckmann derzeit

Wieso gehen Sie gerade jetzt auf Tour?

Sie glauben gar nicht, wie die Menschen Livekonzerte vermissen. Wir übrigens auch. In Schwerin vor einigen Tagen war dies wieder zu spüren. Das Publikum war vom ersten Satz, vom ersten Ton an total aufmerksam und zugewandt. Es war ein ganz besonderer Abend. Echt berührend. Das sind ganz besondere Momente.

Viele Leute kennen Sie nicht als Musiker sondern als TV-Journalisten vor der Kamera. Gibt es irgendwann die Gelegenheit, Sie wieder im Fernsehen zu sehen?

Na, so ganz bin ich ja nicht weg. Zur Zeit arbeite ich an einer Dokumentation über die Grünen. Wir haben Robert Habeck und Annalena Baerbock anderthalb Jahre begleitet, um herauszufinden, wohin sich die Grünen gerade entwickeln und wer von den zweien möglicherweise der Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl sein wird. Parallel dazu produzieren wir noch einen Film über Jan Fedder, anlässlich seines ersten Todestages am 30. Dezember. Ansonsten habe ich mich, was das Moderieren betrifft, zurückgezogen. Musik machen und Zeit fürs Schreiben und Livespielen zu haben, das war immer mein großer Wunsch. Deshalb habe ich mich vor zweieinhalb Jahren von der Sportschau verabschiedet. Ich habe es nicht bereut. Glauben Sie mir, es gibt nichts Besseres, als live zu spielen. Das ist pures Glück. Das schafft Fernsehen nicht.

Beckmann über die Sportschau: Eröffne nie die Sendung mit einem 0:0

Zwischen 2003 und 2017 haben Sie die Sportschau moderiert. Wie viel Vorarbeit steckt in der Samstagssendung?

Unter der Woche stehen natürlich Telefongespräche mit der Redaktion in Köln an. Dabei geht es nicht nur um die Reihenfolge der Spiele, sondern auch um die richtigen Moderationsthemen. Als ich die Sportschau noch moderierte, bin ich immer freitags nach Köln zur Redaktionssitzung gefahren. Anschließend schreibst du dann abends im Hotel deine Moderationen. Das alles kann aber am nächsten Tag wieder hinfällig sein, wenn etwa die Aktualität des Tages ein paar Überraschungen bereithält. Was aber immer als Gesetz über allem steht: Eröffne nie die Sendung mit einem 0:0. Torlose Spiele muss man immer irgendwo verstecken.

Sie kennen das private und das öffentlich-rechtliche TV. Wie schauen Sie heute fern?

Mein Fernsehkonsum hat sich völlig verändert. Ich schaue kaum noch lineares Fernsehen. Mit zwei Ausnahmen: Nachrichten, also die Tagesthemen oder das Heute-Journal, und natürlich Fußball. Das sind die Dinge, die ich dann schaue, wenn sie stattfinden. Da bin ich Traditionalist. Den Rest hole ich mir aus Mediatheken oder Streaming-Diensten und versuche, da mein eigener Programmdirektor zu sein.

Beckmann verbindet Kindheitsgeschichten mit Eintracht Braunschweig

Sie sind nach wie vor ein fußballbegeistertes Nordlicht. Eintracht Braunschweig, Hamburger SV, Hannover 96 – drei Traditions-Nordclubs spielen in der zweiten Liga. Nur noch der VfL Wolfsburg und Werder Bremen gastieren im Oberhaus. Tut Ihnen diese Entwicklung weh?

Selbstverständlich. Das Nordland ist eine traurige Landzone des Fußballs geworden. Was da alles in der zweiten Liga unterwegs ist, gehört eigentlich traditionell ins Oberhaus. Tragisch ist natürlich die Entwicklung des HSV. Aber auch Hannover ist nicht unproblematisch, denn in Liga zwei wird nun mal ein komplett anderer Fußball gespielt. Da gibt es schon mal Haue in Aue oder auch zu viele Gegentore freitagabends in Osnabrück – das sind Bedingungen, die Bundesligisten gar nicht kennen. Und deshalb tun sich so viele Absteiger, die denken, sie könnten gleich wieder aufsteigen, dort auch so schwer. Ich hoffe sehr, dass es der HSV diesmal aber schafft. Was Braunschweig betrifft, bin ich Romantiker. Ich habe es bewusst als Elfjähriger miterlebt, als die Mannschaft Deutscher Meister geworden ist. Das war eine Sensation damals. Oder als Paul Breitner nach Braunschweig wechselte. Das war der erste Königstransfer. Mit Braunschweig verbinden mich einige Kindheitsgeschichten. Ich bin ganz zuversichtlich für die neue Saison. Der Pokalerfolg gegen Hertha war ja schon mal ganz anständig…

Karten unter www.remmlerhof.de.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder