Musical in Braunschweig: So schön klingt eine scheiternde Ehe

Braunschweig.  Sophia Gorgi und Markus Schneider spielen das Musical „The Last Five Years“ im Staatstheater Braunschweig zu Herzen gehend.

Markus Schneider als Jamie und Sophia Gorgi als Cathy in dem Zweipersonen-Musical „The Last Five Years“ am Staatstheater Braunschweig.

Markus Schneider als Jamie und Sophia Gorgi als Cathy in dem Zweipersonen-Musical „The Last Five Years“ am Staatstheater Braunschweig.

Foto: thomas m. jauk / Thomas M. Jauk/StagePicture

Cathys Agent muss ja blind gewesen sein. Diese bezaubernde Frau mit den großen strahlenden Augen, die lachen kann aus tiefstem Herzen und unglücklich schauen, dass man sie sofort in den Arm nehmen will, sollte nicht in jedem Musical der Welt sofort einen Job bekommen können? Ok, damals gab es das Kammermusical „The Last Five Years“ noch nicht.

Sophia Gorgi spielt in dieser coronagerechten Zweipersonen-Trouvaille am Staatstheater die zuerst so entwaffnend lebensfrohe, dann zunehmend von der Jobsuche als Musicaldarstellerin enttäuschte Cathy jedenfalls, als ob sie für sie geschrieben worden wäre. Eine charming princess, die offen ist für die Welt, die sie nicht will, und Glück nicht für selbstverständlich hält. Auch nicht das mit Jamie, dem jungen Autor, der sich da romantisch wie ein Teenager in sie verliebt.

Ein Sympath macht Karriere

Markus Schneider als Jamie gönnt man jeden Erfolg. Im Stück macht er Karriere, aber er bleibt ein Sympath, weil auch er nichts selbstverständlich nimmt und ehrlich um seine Liebe zu Cathy kämpft.

Entwaffnend, wie er im Sportdress als Jungverliebter auftritt, auch den ersten Erfolg, die Zuwendung der Lektorin am Telefon mit fast schüchterner Freude aufnimmt. Während Cathy sich am Telefon vor ihrem Agenten klein machen muss. Im Kostümfundus verstolpert sie sich in allen Tücken der Objekte, ein Slapstick-Lied mit bitterer Pointe, ihr Selbstvertrauen schwindet.

Unbeschwerte Momente auf der Picknickdecke

Nur die Frau sein eines erfolgreichen Mannes? Mit Staubwedel versucht sie sich in dieser Rolle, aber es spricht wiederum für Jamie, dass er ihr Mut macht, den Weg als Musicaldarstellerin zu gehen, nicht aufzugeben: Sein skurriles Lied über den verhinderten Meisterschneider Schmuel ist ein Gleichnis für sie.

Es gibt ein paar unbeschwerte Momente, gemeinsam auf der Picknickdecke, das Hochzeitsduett, Hand an Hand, aber die Gesichter getrennt von einer Wand: Regisseurin Jessica Schauer nutzt Julia Burkhardts eher abstrakte Bühnenkonstruktion zu sehr variabler Bespielung und macht aus dem Coronadruck hier Aussage: Irgendwas steht eben doch immer zwischen dem Paar – jedem Paar?

Stück von zwei Enden her erzählt

Die Dramaturgie des Stücks von Jason Robert Brown will es, dass beide fast immer in anderen Aggregatzuständen einander gegenüberstehen – durch den einfachen Trick, dass die Lieder der beiden immer Monologe sind, die sich von zwei verschiedenen Enden der Geschichte aufeinanderzubewegen, im Duett der Hochzeit kulminieren und dann wieder auseinanderlaufen.

Am Anfang steht die Szene, als Jamie Cathy verlässt und sie rührend schön ihr „Still hurting“ singt. Während er nun in seinen Liedern alles vom Anfang der Beziehung an erlebt, erinnert sie sich Lied für Lied rückwärts. Was den schönen Effekt hat, dass sie, die Verliererin, am Ende wieder am Anfang steht, aber er bitter am Ende. Die Gegenläufigkeit der Gefühle in den Liedern ergänzt sich so immer zu einer berührenden Mischung aus unbeschwerter Hoffnung und zarter Trübung, was sie real glaubwürdig macht.

Songs mal romantisch, mal rockig

Dabei wechseln romantische, skurrile und rockige Nummern einander ab, von Johanna Motta am Klavier und der Staatstheatercombo aus Celli, Geige und Gitarren entsprechend rhythmisch befeuert oder schmelzend ausgestrichen. Eineinhalb Stunden singen Schneider und Gorgi quasi nonstop mit stets füllig weichem Ton: Sein heller Bariton verbürgt in geschmeidigen Linien Ehrlichkeit, während sie mit klarer Stimme und nicht zu viel gellendem Belt für Aufrichtigkeit sorgt. Eine Idealbesetzung.

Wer diesen Abend verpasst, ist selber schuld. Großer Applaus.

Termine und Karten (0531) 1234567.

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