„Gaslicht“: Hysterisches Pschychotheater in Braunschweig

Braunschweig.  Ein Mann richtet aus kriminellem Kalkül seine Frau zugrunde. Das Krimistück im Kleinen Haus des Staatstheaters entfaltet einen unheimlichen Sog.

Bella Manningham (Ana Yoffe, links) mit ihrem Gatten Jack (Georg Mitterstieler) und dem Dienstmädchen Nancy (Larissa Semke).

Bella Manningham (Ana Yoffe, links) mit ihrem Gatten Jack (Georg Mitterstieler) und dem Dienstmädchen Nancy (Larissa Semke).

Foto: Joseph Ruben Heicks / Staatstheater

„Gaslicht“ ist ein solider Psychokrimi von 1938, der im viktorianischen England spielt. Gehobenes Bürgertum mit Dienstboten, eine düstere alte Villa, ein verriegeltes Obergeschoss, in dem Nacht für Nacht Schritte zu hören sind, welche der Dame des Hauses den Schlaf rauben…

Das Drama ist heute so gut wie vergessen, der Autor Patrick Hamilton auch. Lohnt die Ausgrabung? Nun, das Stück ist immerhin zweimal auf Deutsch verfilmt worden. Und jeweils war die Crème der Schauspiel-Stars auf der Leinwand zu sehen. Im Jahr 1960 Dieter Borsche und Margot Trooger, 1970 Josef Meinrad und Erika Pluhar, dazu der alte Braunschweiger Gustav Knuth als Polizeidetektiv.

Schauspieler-Futter

Das deutet darauf hin: Dies Kammerspiel ist ein feines Futter für Schauspieler. Und schon allein deshalb ist es spielens- und sehenswert. Wie sagte die neue Schauspielchefin Ursula Thinnes doch so schön: „Die wollen ja was zu spielen haben.“

Und das haben sie hier. Ein Ehepaar, in die Villa gesperrt wie in einen Käfig, sich belauernd über einem Abgrund von Angst, Verstellung, Misstrauen und seelischer Grausamkeit. Hart am Rande des Wahnsinns. Jack Manningham gaukelt seiner Frau Fürsorge vor, schurigelt sie aber übel, wenn sie angeblich mal wieder irgendetwas vergessen, verloren oder verlegt hat. Sie kann sich daran nicht erinnern und fürchtet, irre zu werden. Zumal ihre Mutter in geistiger Umnachtung gestorben ist.

Erregungsenergie

Im Kleinen Haus des Staatstheaters hat sich nun Hausregisseur Christoph Diem des alten Psychokrimis angenommen. Wobei er, das muss man sagen, in Sachen Psychologie wenig subtil zu Werke geht.

Beide Figuren entfalten von Beginn an eine derart hochtourige Erregungsenergie, dass man keine Ahnung hat, wie sich dieser Psychodruck noch steigern ließe. Vor allem Ana Yoffe als Bella Manningham agiert hochnervös affektiert am Rande der Hysterie. Georg Mitterstieler ist als ihr Gatte Jack weit entfernt von dem äußerlich unauffällig korrekten, strengen Zuchtmeister seiner Frau voll mühsam gebändigter Aggression, als den Dieter Borsche ihn einst gab.

Mitterstieler bringt mit leicht wienerischem Einschlag einen grausam verlebten Hasardeur auf die Bühne, der eine gewisse aasige Freude daran hat, seine Frau zu quälen und zugleich den besorgten Ehemann zu mimen. Vor allem, als er sich treuherzig sogar ans Publikum wendet, um sich bestätigen zu lassen, dass es nun doch endgültig notwendig sei, sie in die Psychiatrie einzuweisen.

Erst Zucker, dann Tee

Zusammen mit den treibenden Rhythmen, dem mysteriösen Schaben, Reiben, Klirren des begnadeten Schlagwerkers Daniel Weber (stilecht morbide ausgestattet mit schwarzem Mantel, schwarzem Zylinder und langem schwarzen Haar), die die Frau in ein auswegloses akustisches Gitter zu sperren scheinen, entwickelt die bizarre Dramatik einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Zumal Diem auf dem Grat bleibt: Er parodiert seine Figuren nicht, lässt sie nicht ins Alberne kippen.

Ironische Akzente setzt in dieser Daueranspannung Götz van Ooyen als pensionierter Polizeidetektiv, der den Fall um eine vor langer Zeit ermordete Wohltäterin und deren Edelsteine am Ende aufklärt. Er ist nicht, wie in den Verfilmungen, der scheinbar gemütliche Onkel, der erst allmählich seinen scharfen Verstand entfaltet. Sondern ein vor Gier nach der Lösung des Falls, der ihn schon so lange umtreibt, schier zerrissener Zausel, barsch, grob, wuschig. Witzig, wie er zuerst Zucker verlangt, den er dann laut knirschend zerbeißt, und erst dann nach Tee.

An ihre Grenzen stößt die Machart des typisierten Überzeichnens beim Dienstmädchen Nancy. Larissa Semke beschränkt sich derart aufs laszive Posieren, dass die schmierige Annäherung zum Hausherrn wenig erotisch rüberkommt (das mag aber auch an dem coronabedingten Berührungsverbot liegen).

Was die Steigerung angeht: Sie vollzieht sich eher umgekehrt. Vor allem Ana Yoffes Bella entkrampft sich, gewinnt am Ende zunehmend an Ruhe. Es ist mit Händen zu greifen, welch ein Albdruck ihr von der Seele genommen wurde.

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