Marmen Quartet eröffnete Kammermusiksaison in Wolfenbüttel

Wolfenbüttel.  Die Kammerkonzertreihe des Konzert-Guts Lucklum fand in Wolfenbüttels Johanniskirche coronabedingtes Asyl. Der Start mit gelang starken Stücken.

Das Marmen Quartet in Wolfenbüttel.

Das Marmen Quartet in Wolfenbüttel.

Foto: Sebastian Barnstorf

Natürlich wurde auch die mittlerweile schon fünfte Ausgabe der Kammerkonzertreihe im Konzert-Gut Lucklum in dieser Krisensaison arg gebeutelt. Neuer Spielort ist die geräumigere schmucke Wolfenbütteler St.-Johanniskirche, statt der an der Einreise verhinderten Amerikaner des Viano String Quartets trat aus dem unerschöpflichen Reservoir unzähliger spiel- und karrierewilliger Nachwuchsmusiker trat das Marmen Quartet hervor, das bei Streichquartett-Wettbewerben in Banff (Kanada) und Bordeaux im vergangenen Jahr erste Preise errungen hat.

Konzentriert, auf den Punkt genau und mit begeisterndem Spiel absolvierten sie ihr Programm. Gängiges Vorurteil ist ja, dass viele Musiker aus dem anglo-amerikanischen Raum mit Glanz, Perfektion und technischer Brillanz aufwarten können. Was zuweilen zu Lasten der Interpretation und Ausdeutung eines Stückes gehen kann. Und hier?

Plötzliche Stimmungsumschwünge rütteln auf

Zu Beginn Joseph Haydns Streichquartett B-Dur op. 50/1. Was bei Haydn so leicht klingt, ist doch so schwer zu spielen: Vertrackte Läufe, sich über die Instrumente fortsetzende Themen, verschobene Übergänge, Rückungen. Und auch plötzliche Stimmungsumschwünge. Nach etwas schrägem Einstieg beginnt es im Kopfsatz sogleich heiter zu fluten.

Aber die immer tiefer wandernde Cellovorgabe von Steffan Morris fordert aufmerksames Wechselspiel. Die vier Musiker mit Johannes Marmen und Ricky Gore (Violinen) sowie Bryony Gibson-Cornish (Viola) meistern das großartig: Spannungsvolle Übergänge, exakte Piani, klare Strukturen. Das Seufzen mit dramatischer Betonung. Ein schwungvolles Adagio mit tragender Violinen-Melodie darüber. Töne, die sich zart verhauchen.

Beethoven kommt hart und direkt

Das macht Eindruck und Spaß zuzuhören. Wollte man irgendwelche Feinheiten bemängeln, dann ein- oder zweimal zu sehr und bewusst langsam gespielte Tempi, in dem sich leise Kratzer einschleichen. Oder später, wenn es in den flirrenden Lautmalereien des Debussy-Impressionismus im jugendlichen Übermut etwas zu schnell und unklar wird. Was aber nicht unpassend wirkt. Denn damit kann ja auch die Tiefe einer Interpretation beginnen.

Beethovens Quartett f-Moll op. 95 erklingt dann volltönend-dramatisch, impulsiv und aufbrausend. Mehr kann aus vier Instrumenten wohl kaum herausgeholt werden. Was dem Marmen Quartet sichtbare Freude bereitet: Kontrolliert-harte Einschläge, effektvoll-zelebrierte Übergänge. Ein Beethoven, der sich im „Allegro con brio“ jugendlich gibt, nicht resignativ, mit einem Aufbäumen des Sturm und Drang. Das ist wenig abgeklärtes Spiel, sondern hart und direkt, aber anschaulich und packend vermittelt.

Nach der Pause Claude Debussys Quartett g-Moll op. 10: Große Bögen und Crescendi bis zum gefühlten Dreifach-Forte. Dann aber perfekt aufgehende, betonte Langsamkeit in einem hinreißend harmonisch aufeinander abgestimmten Andantino, der Vorgabe exakt entsprechend leise und ausdrucksstark.

Als Zugabe ein befreit heiter ausgespielter Teil aus Haydns Streichquartett op. 64. Viel Applaus.

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