Shakespeare mit Braunschweiger Mädchenmörder

Braunschweig.  Das Staatstheater produziert seine „Sommernachtstraum“-Inszenierung als Film – und schafft den Bezug zu einem echten Braunschweiger Kriminalfall.

Das Elfenwesen (Tobias Beyer) nähert sich der Kamera.

Das Elfenwesen (Tobias Beyer) nähert sich der Kamera.

Foto: Martin Jasper

Welch krass surreales Bild: Ein nackter Mann mit einem rosa Eselskopf geht auf einem Feldweg Hand in Hand mit einer leicht punkigen Lederhosenfrau an wogenden Weizenähren entlang dem Horizont entgegen.

Plötzlich erhebt sich im Weizenfeld ein graues Wesen, das aussieht wie ein schlecht verpackter Außerirdischer. Es betritt den Weg, setzt sich auf einen grün lackierten Fernseher und sieht den beiden sinnend nach. Dann beginnt es einen melancholischen Monolog: „Ich wollte eine Maschine erfinden, die dem Menschen ersparen kann Schmerz, Liebe, Trennung“. Das Wesen steht auf, geht langsam den Weg hinunter, fährt fort: „...die dem Menschen das Vorhandensein eines anderen Menschen und alle damit verbundenen Tode überflüssig macht.“

Ein Ruf zerschneidet den düster-poetischen Surrealismus: „Stopp. Alles zurück!“ Das Pärchen kehrt um, der Mann wirft sich einen Bademantel über, die Frau fragt: „Was haben wir falsch gemacht?“ Der Mann grinst. „Ich habe mir beim Gehen überlegt, wie merkwürdig das wäre, wenn uns jetzt ein Jogger entgegen käme. Der würde wahrscheinlich denken: Da hat aber einer Corona sehr missverstanden. Untenrum gar nichts an und auf dem Kopf diese riesige Maske!?“

Die Stimme, die die Szene unterbrochen hat, gehört Nils Zapfe. Er hat für das Staatstheater Shakespeares „Sommernachtstraum“ inszeniert. Premiere sollte im März sein. Die Premiere wurde ins nächste Jahr verschoben. Nun will das Theater aber wenigstens eine filmische Version der fertigen Produktion im Internet anbieten. Gedreht wurde größtenteils im Großen Haus. Zur Schlussszene zog man aufs Land. Irgendwo bei Peine. Aufgespürt hat den Spielort Theatermusiker Jörg Wockenfuß, der im Nachbardorf wohnt und für die Liebeskomödie den Soundtrack beigesteuert hat. Den Ausschlag, so erzählte er am Rande des Drehs, habe der schnurgerade sich im Endlosen verlierende Feldweg gegeben. Ohne Häuser, Straßen, Masten. Und natürlich auch die einsame Birke.

„Ihr habt gar nichts falsch gemacht“, sagt Zapfe jetzt zu den beiden Gehern. Dann deutet er auf die Füße des grauen Wesens: „Wir haben bloß vergessen, ihm die Plastik-Überschuhe auszuziehen.“

Also noch einmal. Maske auf, Bademantel aus, dann wieder: „Ich wollte eine Maschine erfinden...“

Die Frau und der Nackte sind die Komödienfiguren Titania und Zettel. Eine Elfenkönigin und ein Handwerker, der bei Shakespeare im Lauf der turbulenten Liebeswirren in einem nächtlichen Wald in einen Esel verwandelt wird. Sie wird verkörpert von der Schauspielerin Gertrud Kohl, er von ihrem Kollegen Robert Prinzler.

In dem Gewand aus verschnürten Tüllbahnen steckt der Schauspieler Tobias Beyer. Dies undefinierbare Wesen gibt es bei Shakespeare allerdings nicht. Zapfe: „Es ist bei uns zwischen der Elfensphäre und der städtischen, bürgerlichen Welt angesiedelt, die sich in dem Stück durchdringen. Es schwankt im erotischen Experimentierfeld Wald zwischen den Welten und kann keine richtige finden.“

Auch der Monolog stammt nicht vom englischen Dramatiker. Sondern von dem 2001 gestorbenen ostdeutschen Autor Thomas Brasch. Der habe in seinem Roman „Mädchenmörder Brunke“ einen realen Braunschweiger Kriminalfall des Jahres 1905 aufgegriffen, erklärt Zapfe. Brunke hatte zwei junge Frauen auf deren Wunsch hin erschossen.

Brunke sehe sich in Braschs Roman in einer Reihe mit den Weltveränderern Einstein und Freud, so Zapfe. „Der eine schuf die Relativitätstheorie, der andere die Traumdeutung. Brunke wollte die Liebesmaschine erfinden. Doch er durfte nicht. Weil der Staat die Kontrolle über die Bürger in der kleinen Zelle Familie nicht aufgeben wollte, wie er meinte.“

So schien dem Regisseur der Monolog passend zum Ende des „Sommernachtstraums“. Und den Zaungast am Dreh überkommt eine Ahnung, wohin die gesamte Inszenierung zielt. „Titania und Zettel sind als einzige dem Wald entronnen“, erläutert Zapfe. „Sie gehen wie in einem Hollywood-Streifen dem Horizont entgegen. Sie denken, sie haben es geschafft. Doch bestenfalls endet es wie immer: in Stress und Streit – oder in der Kleinfamilie.“

Der Monolog des grauen Elfenwesens endet in resigniertem Zorn: „ Hört auf zu lieben“, spricht Tobias Beyer dumpf übers weite Weizenfeld. „Lasst es sein.“

Der Film wird etwa 60 Minuten dauern und soll voraussichtlich in der letzten Juni-Woche 48 Stunden lang auf dem Youtube-Kanal des Theaters zu sehen sein.

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