RTL will mit Ex-„Bild“-Chefin Koch Meinungsführer werden

Berlin  Die neue Zentralredaktion der RTL Gruppe heißt Inhalteherz. Keine geringere als Ex-„Bild“-Chefin Tanit Koch verantwortet das Projekt.

Tanit Koch ist die Chefin der neuen RTL-Zentralredaktion.

Tanit Koch ist die Chefin der neuen RTL-Zentralredaktion.

Foto: Patrick Becher / ddp images/BUG

Vergangene Woche war an dieser Stelle zu lesen, dass die nächste Ausgabe von Medienmacher urlaubsbedingt erst wieder am 7. Juni erscheint. Doch besondere Nachrichtenlagen erfordern besondere Maßnahmen. Und wenn die Mediengruppe RTL Deutschland (RTL, Vox, RTL II, Super RTL, n-tv, Nitro) eine Zentralredaktion mit rund 800 Mitarbeitern gründet, ist das schon eine besondere Nachricht.


Das Projekt, nahezu sämtliche journalistischen Redaktionen der Mediengruppe zu einer einzigen zusammenlegen zu wollen, hatte der TV-Konzern intern bereits im Februar angekündigt. Im Juni beginnt eine Testphase. „Erste Ressorts, die nun mit der inhaltlichen Pilotphase starten, sind Wetter, Life (Ratgeber) und ein neues Turboteam, das künftig ermöglichen soll, besondere Themen mit hoher Aktualität zu produzieren“, heißt es im RTL-Intranet.

„Bereits über 200 Kollegen“ seien in „die Gestaltung“ der Zentralredaktion „involviert“. Wobei man bei RTL den Begriff Zentralredaktion nicht sonderlich mag. Deshalb wurde die neue zentrale Nachrichteneinheit auf den schönen Namen Inhalteherz getauft. Wenn alles gut geht, wird das Projekt bereits im ersten Quartal 2020 in den Regelbetrieb übergehen.

RTL will mit Angebot Axel Springer die Stirn bieten

Die Mediengruppe erreicht nach eigenen Angaben schon heute „täglich rund 20 Millionen Menschen“ mit journalistischen Inhalten. „Diese Position soll weiter ausgebaut werden durch ein künftig gut orchestriertes Zusammenspiel von TV, Digital und Social“, heißt es im Intranet, wobei mit „Social“ soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter gemeint sind. Ein leitender RTL-Mitarbeiter wird noch etwas deutlicher: „Wir wollen die Meinungsführerschaft.“

Wenn man weiß, dass RTL publizistisch vor allem den Boulevard bedient, wobei die Zielgruppe eher weiblich ist, wird klar, gegen wen sich der Angriff auf die „Meinungsführerschaft“ richtet: gegen Axel Springers „Bild“, die bisher führende deutsche Boulevardmarke, die allerdings vor allem Männer anspricht. Es passt ins Bild, dass die Chefin von RTL-Inhalteherz die ehemalige „Bild“-Chefredakteurin Tanit Koch ist.

Unternehmen liefern Inhalte, bleiben aber unabhängig voneinander

Auf Geschäftsführungsebene treibt der für Digitales und Journalismus verantwortliche RTL-Manager Jan Wachtel das Projekt voran. Die Mediengruppe betont im In­tranet den crossmedialen Charakter des Projekts. Die Schlacht um die „Meinungsführerschaft“ wird sich auf den diversen Digitalkanälen entscheiden.

Die Mitarbeiter von Inhalteherz kommen vor allem von drei RTL-Töchtern. Da wäre zunächst einmal die Firma Infonetwork, die schon heute die journalistischen Formate der meisten RTL-Sender produziert. Bei den anderen beiden Töchtern handelt es sich um den Nachrichtensender n-tv, dessen Geschäftsführerin Koch auch ist, und um RTL Interactive, den Digital-Ableger der Senderfamilie. Das Projekt Inhalteherz ändert nichts daran, dass diese drei Unternehmen gesellschaftsrechtlich selbstständig bleiben. Es werden auch nicht alle Redaktionen in der neuen zentralen Einheit aufgehen. Sendungen wie „Team Wallraff“ oder die Formate mit dem Journalisten Jenke von Wilmsdorff behalten ihre Unabhängigkeit.

Da RTL sehr eng mit Gruner + Jahr („Stern“, „Geo“) zusammenarbeitet – beide gehören dem Medienkonzern Bertelsmann und der G+J-Geschäftsführer Stephan Schäfer ist auch Mitglied der Geschäftsführung der Senderfamilie –, wäre theoretisch denkbar, dass eines Tages auch Redaktionen des Zeitschriftenhauses bei Inhalteherz mitmischen. Doch ein RTL-Sprecher winkt ab: „Es gibt keinerlei Planungen dazu.“

Die nächste Ausgabe dieser Kolumne erscheint urlaubsbedingt erst am 7. Juni. Jetzt wirklich ...

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