Clemens Trautmann, ein Künstler auf dem Präsidentenstuhl

Braunschweig.   Der Braunschweiger Clemens Trautmann ist Chef der renommierten Deutschen Grammophon-Gesellschaft, die 120. Geburtstag feiert.

Clemens Trautmann im Park des Congress-Zentrums Hannover.

Clemens Trautmann im Park des Congress-Zentrums Hannover.

Foto: Andreas Berger

Doch schon so lange her, dass wir in den langen Listen der „Jugend-musiziert“-Preisträger ständig Clemens Trautmann als Regional-, Landes- und Bundessieger führen durften? Dass er mit seiner Ausnahmebegabung als Klarinettist mit uneinsichtigen Braunschweiger Nachbarn um seine Probenzeiten streiten musste? Dass wir bei englischem Tee über die unvergängliche Kraft der Karajanschen Beethoven-Aufnahmen diskutierten, wo doch gerade die große Welle der „historisch informierten“ Werkausgaben über die Hörer schwappte?

Nun sitzen wir im Park des hannoverschen Congress-Zentrums und warten auf das (nachgereichte) Jubiläumskonzert mit den Wiener Philharmonikern zum 120-jährigen Bestehen der Deutschen Grammophon-Gesellschaft, die 1898 in Hannover gegründet wurde. Clemens Trautmann, nun 42 und Präsident eben jener DG, lächelt entspannt und setzt im eloquenten Redefluss über Geschichte und Zielsetzung des renommierten Klassiklabels mit funkelnden Augen seine Wissenspointen.

Ist ja längst nicht mehr alles der brillante CD-Silberling, was die DG produziert. Während in Deutschland und Japan gerade das Klassik-Publikum noch zu 80 Prozent an der Scheibe hängt, ist der Markt in den USA zu rund drei Vierteln auf Streaming ausgerichtet, das virtuelle Runterziehen auch klassischer Titel von der Internet-Plattform auf die privaten Abspielgeräte. Macht den Vergleich von Isoldes Liebestod zwischen Böhm, Kleiber und Karajan womöglich schneller. Aber es werden auch die alten klangvollen schwarzen Vinyl-Produkte wieder produziert. Die DG pflegt ihr Image.

„Ich bin natürlich großgeworden mit dem aufmerksamen Plattenhören, die Augen in der Partitur, und mit dem vielen Umdrehen. Jetzt liegt jedes Werk in hundert Versionen vor, und man kann im Internet erstmal reinhören und selbst entscheiden, welche Fassung man dann ausführlich hören will. Wir haben das ganze Vorkriegsarchiv der DG, also die Schellack-Zeit, digitalisiert. Da kann man jetzt Mascagni selbst seinen ,Amico Fritz’ dirigieren hören, Kreisler, Klemperer, Elly Ney, aber auch Louis Armstrong, Otto Reuter und Theo Lingen. Die Unterhaltung unter der Marke Polydor gehörte damals auch zur Firma“, erzählt Trautmann.

Er selbst kam über den Umweg als persönlicher Referent des Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner zur DG. Und zu Springer als promovierter Einser-Jurist, der in Hamburg studiert hat. Aber zuvor hat er sein Konzertexamen bei der Klarinettistin Sabine Meyer, ein Star des EMI-Labels, und an der Juilliard School in New York seinen Master of Music gemacht. Noch immer probt er regelmäßig, spielt vier Konzerte im Jahr bei renommierten Kammermusikfestivals. „Musizieren bringt einfach die höchsten Glücksgefühle“, sagt er. Trotz frühen Auftritten beim Schleswig-Holstein-Musikfestival, beim Rheingau-Musikfest und in der Berliner Philharmonie, hat er sich aber für die „weltliche“ Karriere entschieden.

Offenbar ohne Reue, denn sein Einsatz für die musischen Kollegen ist konsequent und erfolgreich. Die alte gelbe DG-Kartusche hat er als Qualitätssiegel wieder fest verankert. Die DG gehört heute zur großen Universal Music Group. „Es verbindet sich mit Stars wie Anna Netrebko, Lang Lang und Rolando Villazon, deren Strahlkraft sich so auf die junge Künstlergeneration überträgt. Wenn Daniel Barenboim mit der Geigerin Lisa Batiashvili oder dem Cellisten Kian Soltani auftritt oder Anne-Sophie Mutter mit dem Pianisten Daniil Trifonov, ergeben sich wunderbare neue künstlerische Profile, und die große DG-Familie wächst weiter nach“, erklärt Trautmann.

Langfristige Künstlerbeziehungen wie die fast 60 Jahre währende zu dem Pianisten Maurizio Pollini sieht er als Vorbild für die Unternehmenskultur. Man ist treu bei der DG, aber die Hürde ist hoch: „Wenn wir jemanden in unseren Katalog aufnehmen, müssen wir uns der künstlerischen Ambition und des Werts, der über den Tag hinausgeht, sicher sein.“

Für Trautmann und sein Team bedeutet das, auf Wettbewerben präsent zu sein, um Talente schon für die übernächste Generation zu entdecken und wichtige Debüts der eigenen Künstler auch in Übersee zu begleiten. Kurz, er ist viel unterwegs und eine spontane Verabredung zum Opernbesuch in Berlin, wo er wohnt, eher nicht möglich.

Dafür darf Trautmann, einst Stipendiat des Braunschweiger Wagner-Verbands, immer zu den Bayreuther Festspielen, deren Aufführungen die DG auf Video produziert. Und wenn der kanadische Pianist Jan Liesiecki auf seiner ersten Deutschland-Tour nach Braunschweig kommt, schlägt auch Trautmann in seiner alten Heimat auf, in der er sonst privat seine Eltern besucht.

Nur an den häufigen englischen Ausdrücken merkt man, dass Trautmann nun zu den wichtigen Musikmanagern gehört. Seine Freiheit als Geschäftsführer ist groß, aber letztlich muss er sich vor seinen Gesellschaftern verantworten. Er zeigt sich bei aller Liebe zur Klassik überzeugt davon, dass auch New-Repertoire-Produktionen in Nachfolge der Minimal Music von Glass und Reich und das Polydor-Unterhaltungsprogramm mit Max Raabe und Abba-Sänger Benny Andersson zur DG gehören.

Im Kernbereich unterstützt er lieber Projekte wie Rudolf Buchbinders „Neue Diabelli-Variationen“. Dabei sollen zu Beethovens 250. Geburtstag im nächsten Jahr zeitgenössische Komponisten wie Krzysztof Penderecki, Lera Auerbach und Jörg Widmann so wie Beethoven eigene Variationen über Diabellis Walzer schreiben.

Und wie entspannt sich der Manager? „Ich gehe gern wandern, mit meiner Partnerin Patricia – und einmal im Jahr mit Cornelius Meister, meinem frühen Klavier-Partner. Und zwar eine Woche ohne Handy!“ (Cornelius Meister ist inzwischen Generalmusikdirektor der Stuttgarter Staatsoper.) Und auch seine Auftritte als Musiker gehören für Trautmann zu erfülltem Urlaubsgefühl. Im Sommer wieder beim Bebersee-Festival in der Schorfheide.

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