Wie das Evangeliar Heinrichs des Löwen entstand

Wolfenbüttel.  Zwei Welfen-Experten stellen in der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel ihre grundlegende Studie vor. Heraus kommt: Mönche waren schlau.

Harald Wolter-von dem Knesebeck (links) und Bernd Schneidmüller mit ihrem Buch über das Evangeliar Heinrichs des Löwen.

Harald Wolter-von dem Knesebeck (links) und Bernd Schneidmüller mit ihrem Buch über das Evangeliar Heinrichs des Löwen.

Foto: Rainer Sliepen

„Heinrich der Löwe zieht“ – höchst erfreut begrüßte Bibliotheksdirektor Peter Burschel das Publikum in der vollbesetzten Augusteerhalle der Herzog-August- Bibliothek. Die Löwenfans drängelten sich bei der Buchvorstellung der Autoren Bernd Schneidmüller und Harald Wolter-von dem Knesebeck.

In den Blick genommen haben die Kenner der welfischen Geschichte das Evangeliar Heinrichs des Löwen und seiner Frau Mathilde in seiner theologischen, künstlerischen und historischen Bedeutung. Sämtliche Bild- und Zierseiten werden in Bild, Text und Schriftkunst neu gewürdigt. Vor allem wird die Gleichrangigkeit Mathildes, Tochter Heinrichs II. von England, richtiggestellt. So zeigen die Bilder des Evangeliars das Stifterehepaar ohne hierarchische Unterschiede.

Von 1172 bis 1189 ist das Evangeliar in der Benediktinerabtei Helmarshausen entstanden. Bestimmt war es für den Marienaltar der Stiftskirche St. Blasius in Braunschweig. Hier beginnen die Unsicherheiten. War das Buch jemals in Braunschweig? Es gibt keinen Beleg. Es erhielt 1594 in Prag einen neuen Einband und wird heute in Wolfenbüttel verwahrt. Was dazwischen passierte, sei Spekulation, sagt Schneidmüller.

Unsicherheit herrscht auch über den oder die Künstler. War es Herimanni, der am Schluss des Widmungsgedichts genannt wird? Und wenn: War er Schreiber, Maler, Konzeptgestalter? Sicher ist, dass die in ihrer Frische und Farbigkeit wunderbar erhaltenen Miniaturen zu weiten Teilen Werkstattarbeit waren. Das überragende Einzelgenie gab es kaum. Vermutlich wurde am Ende von einer Person künstlerisch letzte Hand angelegt.

Die rationelle Arbeitsweise erklärt die durchgängig höchste Qualität – „makellose Schönheit“ attestiert Knesebeck – und den unfassbar kurzen Arbeitsprozess, wohl nicht viel mehr als ein Jahr.

Neben der Spiritualität heben die Autoren auch den Repräsentationscharakter für Machtfülle und Herrschaftsanspruch Heinrichs hervor, wie aus dem Krönungsbild ersichtlich. In himmlischer Sphäre thront Gott, darunter knieend Heinrich mit der stehenden Mathilde, denen von oben durch gekreuzte Hände die irdischen Kronen aufgesetzt werden. Nur wenige Zeitgenossen Heinrichs werden das Buch überhaupt gesehen haben. Es diente der Selbstvergewisserung des Auftraggebers als höchste irdische Instanz.

Bei allen wissenschaftlichen Erwägungen ist das Buch eine farbiges Erzählung, ein ästhetisches Kunstwerk. Wer Wimmelbücher mag, wird das Evangeliar lieben. Und ein Gag zum Schluss: Klappt man das Buch auf der Seite mit der Krönungsminiatur zusammen, küsst das Stifterpaar dem Schöpfergott auf der gegenüberliegenden Seite die Füße. Schlau, diese Mönche!

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