Energievolles Tänzer-Mikado im Jungen Staatstheater

Braunschweig.  In Anna Konjetzkys Tanzstück „Unstable“ am Staatstheater entsteht aus Kippen und Rutschen neuer Halt.

Brigitte Uray, Joshua Haines, Brendon Feeney und Alice Baccile im verkanteten Bühnenbild von Hannes Hartmann und Leonie Mohr.

Brigitte Uray, Joshua Haines, Brendon Feeney und Alice Baccile im verkanteten Bühnenbild von Hannes Hartmann und Leonie Mohr.

Foto: Bettina Stoess / Staatstheater Braunschweig

Als ob die Bombe reingeschlagen hat. Ein krachendes Dröhnen erfüllt das kleine Haus Drei. Noch lange danach brummt’s und knackt’s im Gebälk. Nebel steigt auf. Die Bodenbretter liegen kreuz und quer aufgefaltet wie Caspar David Friedrichs Ostsee-Eis. Die fünf Tänzer liegen verstreut und berappeln sich. Lässt sich nochmal Lebensmut gewinnen in Zeiten der Unsicherheit und totalen Dekonstruktion?

Brendon Feeney kippelt ganz am Rande des Lochs in der Bühne, er ist der Grenzgeher, droht mal vom Bühnenrand zu stürzen, quert mit breit gegrätschten Beinen die Platten, als wären’s wackelnde Eisschollen. Einmal fällt er rein und sperrt sich mit allen Gliedmaßen gegen das Versinken. Gerade noch so können Ursina Mathéus und Alice Baccile beispringen, wenn er das Gleichgewicht verliert.

Joshua Haines ist der Fürsorgliche, er rettet die Frauen zu sich rüber aufs sichere Ufer. Mit Brigitte Uray bildet er ein Paar des Vertrauens, das sich gegenseitig stützt und daher auch am langen Arm herumwirbeln kann, um Land zu gewinnen.

Vorübergehend gibt es eine Zweier- und eine Dreiergruppe, man stützt den aus der anderen Gruppe hineinkippenden Fremden und wehrt ihn so doch auch ab. Dann wieder Partnertausch, Kettenbildung, jede Bewegung erzeugt andere, wie beim Mikado. Geht ein Tänzer aus der Gruppe, müssen sich die anderen neu sortieren, Rücken an Rücken, Hand in Hand sich anders stützen und verbinden. Integration und Expulsion entstehen aus dem nämlichen Ringen um Zusammenhalt der Gruppe. Mit erschrockenen Augen versucht Brigitte Uray, irgendwie alle zusammenzuhalten.

Die Soundlandschaft von Sergej Maingardt strukturiert das Geschehen suggestiv. Mal dröhnt’s wie ein abhebendes Flugzeug und drückt die Tänzer quasi an die Wand. Dann stampft’s wie Maschinen, und die Tänzer bewegen sich im Staccato, als rutschte mit jedem Taktschlag der Boden ein Stück weiter unter ihnen weg.

Gut ist der Stimmungswechsel gestaltet, die Bewegungen werden flüssiger, es kommt Schwung in die Körper und Figuren, ja es entsteht Spaß, wenn sie nun die Schrägen auf dem Po runterrutschen, in neuen Varianten von den Wänden und über die Löcher springen, in dem sicheren Gefühl: es hält mich einer, fängt mich auf. Von der hilfreichen Schulter auf der einen Seite zur hilfreichen Schulter auf der anderen zu kippen, macht Kippen zum zärtlichen Kitzel. Und so entsteht auch Tanz, ein schwungvolles Interagieren in Harmonie.

Als eine fröhliche, entspannte Gruppe können sie nun auch gefährliche Situationen in Leichtigkeit überwinden, es wird ein unbeschwertes Parcourslaufen. Bis die Tänzer über die hintere Mauer behände die Fläche verlassen, mutig gemacht für eine andere Welt, womöglich die Realität.

Konjetzky hat das geschmeidig durchgetaktet, überführt das Sportive elegant ins choreographisch Bedeutungsvolle und gesellschaftlich Sinnhafte. Nicht zu dicke, aber direkt mitvollziehbar. Müsste Teenagern gefallen. Die erst etwas unruhigen Premieren-Kids folgten nachher jedenfalls gebannt. Die Tänzer machen’s hoch konzentriert. Viel Applaus.

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