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„Pilates“, drei Käuze und ein Brief von Mutter Seeleke

Wann widmen sich Historiker endlich mal dem schillernden, bunten Leben von Kurt Seeleke?

Braunschweig hat durchaus noch eine ganze Reihe verwunschener Fleckchen, die kaum einer wahrnimmt. Solch ein Ort ist beispielsweise Litolffs-Garten, seit ewigen Zeiten im Privatbesitz und versteckt hinter dem Rest der uralten Stadtmauer am Inselwall. Oder der mittelalterliche Wehrgang am inneren Oker-Umflutgraben – zwar zugänglich, aber verborgen hinter dem Stobwasser-Haus in der Echternstraße.

Zu den Besonderheiten mitten in der City zählt auch der Gebäudekomplex Ecke Güldenstraße 1/Prinzenweg 11. Ein verschachteltes Gebilde mit Innenhof und fünf Bauten, die einst der Familie Seeleke gehörten. Sie betrieb dort bis in die 1960er-Jahre eine traditionsreiche Bäckerei. Das war das Elternhaus jenes Mannes, dem Braunschweig eine Menge verdankt: Dr. Kurt Seeleke. Dort wurde er 1912 geboren und dort starb er auch im Jahr 2000. Der Seeleke-Platz am Magnitor erinnert an diesen couragierten Historiker, der in den wirren Kriegs- und Nachkriegszeiten Kunstschätze in Sicherheit brachte und vor der Vernichtung bewahrte. Auch „unseren“ Burglöwen, den er – gegen die Anordnung der NSDAP – in den Goslarer Rammelsberg schaffen ließ und nicht (wie befohlen) nach Schlesien.

Güldenstraße Nummer 1 präsentiert sich den Vorbeifahrenden heute als ein gepflegtes, originelles Haus aus einem Gemisch von weißgetünchten Wänden, rötlichen Backsteinen und Fachwerk. „Pilates“ steht auf einem Schild. Corinna Stüffh war vor 18 Jahren eine der Allerersten in Braunschweig, die diese (damals) neuartige Körpertrainingsmethode anbot. Die Eingangstür zu ihrem Studio ist noch die gleiche, die vor 60, 70 Jahren in den Bäckerladen führte. Das ursprüngliche Haus Güldenstraße 1 (erbaut um 1550) zerfledderte im Mai 1944 eine auf dem Prinzenweg explodierende Sprengbombe. Der Rest des Hauses wurde im März 1945 erneut getroffen.

Kurt Seeleke – damals Landeskonservator und Kunstschutzbeauftragter – hockte während des Angriffs im Keller seines Elternhauses und blieb unversehrt. Allerdings wurde Seelekes Vater – der nur ein paar Meter entfernt saß – von herabstürzenden Gewölbebrocken schwer verletzt. Kurt Seeleke wuchtete den blutenden Körper des Vaters auf einen Handwagen und zog ihn zur Klinik Hauswaldt in der Pawelstraße. Die Hilfsaktion war vergeblich. Der Vater starb. Seeleke baute schon 1945/46 – teils sogar eigenhändig – das Haus wieder auf. Aus Backsteinen, die sich im Schutt fanden, und aus Gebäuderesten anderer Bauten. Dem Haus ist dieses Provisorium noch heute anzusehen. Aber das gibt dem Ganzen auch einen eigentümlichen, originellen Charme. Das ein paar Meter entfernt stehende Fachwerkhaus Prinzenweg 11 wurde im Krieg nur teilbeschädigt und konnte repariert werden. Ebenso die hinteren Gebäude, etwa das alte Backhaus. Dr. Seeleke verkaufte um 1970 den Gebäudekomplex an Brigitte und Alfred Kautz und hielt sich von nun an überwiegend in Rom im S. Elisabetta-Kloster in der Via dell‘Olmata auf. Er sicherte sich aber ein lebenslanges Wohnrecht in dem Fachwerkhaus Prinzenweg 11.

Brigitte und Alfred Kautz betrieben in dem vorderen Backsteinbau ab 1969 für 33 Jahre die „Boutique Hibou“ (Hibou, übersetzt Eule, auch Kauz – ein Hinweis auf den Familiennamen Kautz). Drei stilisierte Eulen zieren noch heute die Straßenfront von Güldenstraße 1, wo die Kautz-Tochter Corinna Stüffh ihr Gymnastik-Studio betreibt. Kurt Seeleke kannte ich schon in meiner Kinderzeit und habe auch in seinen letzten Lebensjahren stets Kontakt zu ihm gehabt. Ich besitze viele seiner Bücher, auch ein paar Antiquitäten und vor allem Schriftliches, auch Briefe.

Einen hatte ich gerade wieder in der Hand. Die Hitler-Marke ist abgestempelt am 30. 6. 1942. Der Brief ist durch die Zensur der Nazis gegangen. Der Umschlag ist ein Dokument der Unterdrückung. „Geöffnet“, ist da zu lesen. Dahinter drei Stempel; ein Adler mit Hakenkreuz und „OKW“. Dann diverse gestempelte Zahlen in verschiedenen Farben: 434 in Rot,
31 09 84 in Grün, 26 + 9 (in Blau) und auf der Rückseite 6370 wieder in Rot. Den Brief hatte Mutter Seeleke an ihren Sohn geschrieben: Signore Dr. phil. Kurt Seeleke, Via dell‘ Olmata 9 in Rom. Es ist ein langer Brief – voller Sorgen. „Lieber Junge, höre auf mich. Ich mache mir große Sorgen. Hast Du diese Beitragsangelegenheit geregelt? Wenn nicht, bringe das sofort in Ordnung.“ Sofort ist mit Kopierstift rot unterstrichen. Der Hintergrund: Kurt Seeleke hatte sich mit der Partei angelegt. Er schrieb 1942: „Hiermit erkläre ich meinen Austritt aus der NSDAP und zahle ab sofort keinen Beitrag mehr.“ So tapfer waren nicht viele. Seeleke war als Student von seinem Hochschullehrer Wilhelm Pinder genötigt worden, in die NSDAP einzutreten. Er tat es widerwillig.

Wie auch immer: Die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz hat eine Reihe von Büchern finanziert. Wann widmen sich Historiker endlich mal dem schillernden, bunten Leben von Kurt Seeleke? Ja, er war ein Rebell, chaotisch arbeitend, unangepasst, vielleicht auch homosexuell. Na, und?
Er war trotz allem ein großer Mann, dem diese Stadt viel zu danken hat.

Eckhard Schimpf erzählt jeden zweiten Sonnabend Geschichten aus seiner Heimatregion und über ihre Menschen.

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