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Gedanken zum Maskenpflicht

Sie merken, ich wurde in den letzten Wochen zur kleinen Maskenexpertin. Sicherlich nicht nur ich ...

Obwohl die Maskenpflicht verblüffend schnell zum Alltag geworden ist, mache ich mir trotzdem noch so meine Gedanken. Schon Ende März wurde die Pflicht, Mund-Nasen-Schutz zu tragen, thematisiert und erst einmal abgelehnt. „Damals“ haben wir noch darüber gelacht und ich zumindest konnte mir überhaupt nicht vorstellen, jemals mit solch einer Vermummung herumzulaufen.

Ende April kam sie dann doch zu uns, die Maskenpflicht. Erst einmal gab es kaum irgendwie geartete Masken zu ergattern. Überall ausverkauft und die Dinger konnten nur zu horrenden Preisen im Internet erstanden werden. Dann legten die selbst ernannten Home-Office-Schneiderinnen und Designer los, virtuos die Millionen von Anleitungen aus dem Internet zu verarbeiten: aus Bettlaken, Taschentüchern, bunten Patchwork-Resten mit Eulen, Kringeln oder Blümchen drauf, die schlichteren Stoffe für den Herrn mit dezenten Steifen oder Karos. Es gibt sie als Ganzes aus Jersey oder mit Gummiband, die um die Ohren zu legen sind, oder mit Bändern zum Binden hinter dem Kopf. Natürlich in verschiedenen Größen und Formen.

Die einen nenne ich gern Plisseemasken – das sind die, die in Falten gelegt sind – und die anderen sind die Affenmasken – die vertikal eine Naht über der Nase haben. Pfiffige Menschen schieben einen Pfeifendraht in die obere Naht, damit sie auch gut an der Wange anliegt. Sie merken, ich wurde in den letzten Wochen zur kleinen Maskenexpertin. Sicherlich nicht nur ich ...

Worauf ich eigentlich hinaus will, ist aber etwas ganz anderes: um die Beeinträchtigung unserer Sinne. Es ist ja nur ein kleines Tüchlein, das wir uns vors Gesicht schnallen – aber die Auswirkungen sind doch immens. Ich übertreibe mal: Sie kann zu Freundschaftsaufkündigungen, zu allgemeinen Aggressionsschüben und zu Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen führen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Freunde und Nachbarn.

Einen davon habe ich nämlich eventuell schon verprellt. Denn der Mundschutz war schuld daran, meinen Nachbarn nicht erkannt zu haben. Nicht nur wegen der coronabedingten Hippiefrisur, die er sonst als Bürstenschnitt trägt, nein, vor allem sein Erkennungsmerkmal, eine große Nase, habe ich unter der Maske nicht identifiziert. Das Resultat: Ich übersah die ganze Person. Das war peinlich. Und dann gibt es da noch ein Problem: Aufgrund des ewigen Brillebeschlagens kämpfe ich nicht nur gegen die schlechte Sicht, sondern auch gegen eine damit zusammenhängende kleine Desorientierung. Sicherlich habe ich daher schon so einige Mitmenschen rechts oder links liegen lassen und somit übersehen. Auf diesem Weg deshalb hier und jetzt meine offizielle Entschuldigung!

Wenn ich dann wieder klare Sicht habe, fehlt mir ob des Mundschutzes die Mimik der Menschen, vor allem die Nuancen des Lächelns wie Grinsen oder Schmunzeln und was es sonst noch für Regungen um den Mund herum gibt. Freundliche Menschen erkennt man nur noch an ihrer Stimme, oder die Augen schaffen es, derlei Emotionen rüberzubringen. Das lehrt Achtsamkeit gegenüber seinen Mitmenschen – oder macht schlichtweg sauer.

Ja, und es geht noch weiter: Auch das Hören beziehungsweise das Verstehen ist durch das Genuschele in die Falten des Mundschutzes für das Gegenüber schwer beeinträchtigt. Unzählbar deshalb das „Wie-bitte?“ oder das schon genervtere kurze „Häh?“, was einen geradezu aggressiv macht. „Habe ich doch schon gesagt!!!“, knurrt es gereizt durch den Stoff, der sich gefährlich aufplustert. Menschen mit Hörbeeinträchtigung haben darum derzeit schlechte Karten, denn das Lippenlesen, das ihnen in der „alten Realität“ die Kommunikation erleichtert, ist nicht mehr möglich. Obwohl, es naht Abhilfe: Neulich las ich in der Zeitung, dass eine findige Bastlerin – angestellt bei einem Hörgeräteakustiker – einen Mundschutz entworfen hat, der um die Mundpartie herum ein durchsichtiges Stück Plastik eingenäht hat. Dieser Mundschutz, der sich sicherlich eher bei Frauen durchsetzen würde, wäre auch gleichzeitig eine Gelegenheit, mal wieder Lippenstift auftragen …

Apropos Schminken: Ich sehe in naher Zukunft schon Mannequins mit krasser Augen- und Brauenschminke über den Laufsteg wandeln, die die neueste Mundschutzkollektion darbieten: vielleicht aus brillantenbesetzter Seide mit selbstreinigendem Innenfutter oder mit Fransen dran, die im Sommer die Schmeißfliegen verscheuchen sollen.

Ja, an den Sommer muss ich nämlich auch öfter denken. Mir graut ehrlich gesagt davor! Diese Hitze unter den Stoffdingern … die Brille beschlägt, der Schweiß läuft – da wird das Einkaufen richtig Spaß machen! Zum Glück dürfen, ja müssen wir zum Eisessen und Weinschorleschlürfen den Mundschutz abnehmen. Der Sommer kann also doch kommen.

Bärbel Mäkeler, 1957 in Stuttgart geboren, ist Autorin, Lektorin und Germanistin. Sie lebt seit 1975 in Braunschweig und widmet sich in ihrer Kolumne den besonderen Dingen des Alltags.

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