Das Grenzmuseum Böckwitz startet durch mit einem jungen Team

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Szenen des ersten Jahres unter neuer Regie: Verena Treichel und das Vorstandsteam des Museumsvereins waren voller Tatendrang. 

Szenen des ersten Jahres unter neuer Regie: Verena Treichel und das Vorstandsteam des Museumsvereins waren voller Tatendrang. 

Foto: Museumsverein Böckwitz / Privat

Böckwitz.  Verena Treichel, Vorsitzende des Museumsvereins Böckwitz ist Kandidatin für den Ehrenamtspreis Gifhornerin des Jahres.

Das Foto gingt um die Welt: Ein Hochzeitspaar steht 1959 in Böckwitz-Zicherie an der Grenze, hüben die Bundesrepublik, drüben die DDR. Das Paar steht im Westen, die Mutter der Braut und Verwandte im Osten. Unerreichbar, getrennt. Kaum ein anderes Bild drückt die Dramatik der deutsch-deutschen Teilung besser aus. Dass es 60 Jahre später hilft, den Museumsverein Böckwitz vor der Auflösung zu bewahren, macht es umso bedeutungsvoller.

Selbst in den Tagesthemen war die drohende Vereinsauflösung

Der Fokus auf 30 Jahre Grenzöffnung, die Erinnerungen an den Fall der Mauer, den grenzenlosen Jubel der Menschen in Ost und West, sind kaum vorüber, da nimmt Verena Treichel dieses Foto und schickt einen Aufruf an Freunde und Bekannte in die sozialen Netzwerke.

Gifhorner:in des Jahres: Verena Treichel ist nominiert
Gifhorner-in des Jahres- Verena Treichel ist nominiert

Selbst in den Tagesthemen war die drohende Vereinsauflösung und damit das Aus für das Museum ein Thema. Verena Treichel appelliert: „Dem Grenzmuseum Böckwitz-Zicherie, auch genannt Klein-Berlin, droht die Schließung und damit auch ein unwiederbringlicher Verlust der seltenen Orte der Erinnerung an die deutsch-deutsche Geschichte. Dazu frage ich mich: Wie wollen wir die Lebensrealität unserer Vorfahren, die Geschichte unserer Region und damit stellvertretend unsere ganzen Landes unserer Kinder- und Enkelgeneration näher bringen, wenn wir es zulassen, dass solch wichtige Einrichtungen geschlossen werden?“

Der Aufruf wirkt. Binnen kurzer Zeit verdoppelt sich die Mitgliederzahl von 20 auf 40. Ende November 2019 treffen sich auf dem Museumsgelände 25 Mitglieder und 18 Gäste. Ein neuer Vorstand wird gewählt. Verena Treichel aus Kunrau übernimmt den Vorsitz, zweite Vorsitzende wird Claudia Lessing, Kassenwartin Inga Ludwig aus Böckwitz, Schriftführerin Aline Herbez aus Immekath und Abigail Fagan (Jahrstedt), Astrid Heers (Böckwitz), Michael Sperling (Kunrau) und Nico Ludwig (Böckwitz) zu Beisitzern.

Ein Jahr später sitzt Verena Treichel im Backhaus. Das Museum macht Winterpause. Es ist herbstlich kalt. Eine Heizung gibt es nicht. Aber wenn die 34-jährige Kunrauerin erzählt, wird einem warm ums Herz. Die Worte sprudeln förmlich – vor Begeisterung, Empathie. Zum einen für ihren Kreativhof in Kunrau, ihre Erlebnisse mit Zirkuswagen und Tümpelcheckern, mit der Jungen Gemeinschaft Altmark (JGA) und Musikfestivals wie „Open Yeah!“ Ihre Devise: Wenn nichts los ist, machst du eben was los. Beispielsweise mit „RoQ keeps equality“, ebenfalls ein Musikprojekt. Eines der Ziele: „Das Ehrenamt in unserem strukturschwachen Raum fördern und somit Alternativen zu Perspektivlosigkeit bieten“, heißt es auf der Internetseite. Der Satz könnte von Treichel stammen. „Ärmel hoch und los“ lässt sich das übersetzen.

So wie im Museumsverein. Nach mehr als zehn Jahren ehrenamtlicher Arbeit in der JGA ist sie froh, auf Erfahrung zurückgreifen zu können. Zum Beispiel, wenn es darum geht, als Museumsverein wieder als gemeinnützig anerkannt zu werden. Das ist Voraussetzung für öffentliche Fördergelder. Frühestens Ende 2021 lässt sich das Ziel erreichen. Umso mehr freut sich Treichel über Sponsoren. Die LSW und die Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg haben bereits gespendet.

Pläne, das Geld in sinnvolle Museumsprojekte zu investieren, gibt es genug. Das fängt beim neuen Hinweisschild an und hört bei Podcasts auf, die über alte NVA-Telefone zu hören sind. Im ersten Jahr war zunächst Arbeit an den Wurzeln angesagt. „Als erstes habe ich die Mitglieder nach ihren Ideen, ihren Fähigkeiten gefragt. Es ist wichtig, dass sie sich abgeholt fühlen“, sagt sie. „Bei uns gibt’s keine Hierarchie und kein Falsch.“ Dann kommen die Geschichten von ganz alleine. Wie bei dem Mann, der erstmal vorsichtig fragte, ob seine Unterstützung denn erwünscht sei, weil der früher in der SED gewesen ist. Da gibt’s für Treichel nur ein klares Ja!

Mittlerweile haben sich 60 Mitglieder zusammengefunden, viele kommen auch aus der Samtgemeinde Brome. Es gibt vier Arbeitsgruppen für den Bauerngarten, die Ausstellung, für Touren und für das Archiv. Welche Schätze unter den alten Dokumenten noch zu bergen sind, ist offen. Treichel ist froh, mit Abigail Fagan eine Historikerin gefunden zu haben, die sich darum intensiv kümmert. Und wieder sprudeln Ideen: Studenten arbeiten an Projekten mit, forschen in der Vielzahl von Unterlagen, die sich im Museum angesammelt haben. Dafür hat über Jahrzehnte Willi Schütte gesorgt. Er und die ehemalige Vorsitzende Ingrid Schumann haben sich mittlerweile zurück gezogen.

Touren auf dem Grünen Band sind sehr beliebt

Dafür übernimmt die junge Generation jetzt die Verantwortung. Und neben dem Grenzmuseum ist da ja auch noch das Museum für landwirtschaftliche Geräte mit jeder Menge Gerätschaften, die zum Teil gar nicht zugänglich sind. „Es gibt einfach 1000 Themen hier“, sagt Treichel. Die Menschen sind dankbar für Erlebnisse.“ Deshalb sollen vor allem die Touren auf dem grünen Band ausgebaut werden. Die kamen schon in diesem Jahr gut an, „jede Tour war ausgebucht“, erzählt die Vorsitzende. Das seien ganz wichtige Einnahmen für den Verein gewesen. „Wir können ja nicht mit dem Klingelbeutel rumgehen“, aber die Stromrechnung muss trotzdem bezahlt werden. Deshalb hofft sie, dass neben der normalen Mitgliedschaft auch viele fördernde Mitglieder den Verein künftig unterstützen. „Jeder ist bei uns willkommen!“

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