Ärztekammer prüft Vorwürfe gegen Stefan Marzischewski-Drewes

Gifhorn.  Ohne Mundschutz: Der Gifhorner AfD-Kreisvorsitzende und Mediziner war auf einer Berliner Demo gegen die Corona-Regeln. Nun prüft die Ärztekammer.

Vor der Siegessäule in Berlin posierten die Gifhorner AfD-Politiker Robert Preuß (links) und Stefan Marzischewski-Drewes im Umfeld der Teilnehmer an der Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen. Dieses Foto entstand am Samstag, 29. August gegen 11 Uhr.  

Vor der Siegessäule in Berlin posierten die Gifhorner AfD-Politiker Robert Preuß (links) und Stefan Marzischewski-Drewes im Umfeld der Teilnehmer an der Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen. Dieses Foto entstand am Samstag, 29. August gegen 11 Uhr.  

Foto: Privat

Die Teilnahme des Gifhorner AfD-Kreisvorsitzenden Stefan Marzischewski-Drewes an einer Berliner Demo gegen die Corona-Regeln zieht weitere Kreise. Inzwischen beschäftigt sich auch die Ärztekammer Niedersachsen mit den Vorwürfen gegen Marzischewski-Drewes. Der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Kreistag und im Rat der Stadt Gifhorn ist als Facharzt für Radiologie und Allgemeinmedizin Ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) Campus Gifhorn.

Marzischewski-Drewes hatte am 29. August mit dem Gifhorner AfD-Politiker Robert Preuß eine seinen Angaben zufolge eigene Demonstration in Berlin veranstaltet und hinterher unter anderem ein Bild verbreitet, auf dem ein Unbekannter stand, der ein T-Shirt mit der Aufschrift „Friedensvertrag jetzt!“ trug. Dieser Slogan stammt aus dem Milieu der sogenannten Reichsbürger. Wie Marzischewski-Drewes anschließend erklärte, habe der Mann zufällig dort gestanden. Er und Preuß hätten keineswegs mit ihm posiert.

AfD-Kreisvorsitzender: „Ich war dort als Beobachter“

Im Anschluss an die Demonstration hagelte es im Zusammenhang mit seiner beruflichen Tätigkeit Vorwürfe gegen ihn. In den sozialen Netzwerken kritisierten Nutzer Marzischewski-Drewes scharf. „Werden derzeit Patienten von einem Arzt behandelt, der ohne Mund-Nasen-Schutz auf dieser Demo war?“ gehörte zu den sachlichen Fragen, andere waren weitaus polemischer.

„Die Vorwürfe sind der Ärztekammer Niedersachsen bekannt. Wir prüfen den Vorgang berufsrechtlich. Da es sich um ein internes Verfahren handelt, können wir zum Inhalt der laufenden Prüfung keine weiteren Angaben machen“, teilte Thomas Spieker, Pressesprecher der Ärztekammer, dazu mit. Vergangene Woche hieß es: „Es handelt sich nach wie vor um ein kammerinternes Verfahren, weshalb auch keine Auskunft über den aktuellen Sachstand beziehungsweise den Abschluss des Verfahrens gegeben werden kann.“

Marzischewski-Drewes dazu gegenüber der Rundschau: „Da wissen Sie mehr als ich. Dass ich bei verschiedensten Institutionen pausenlos diffamiert werde, ist mir bekannt.“ Er spricht von einer Hexenjagd, erstattete wegen beleidigenden Aussagen mehrere Anzeigen. Zur Demo in Berlin sagt er: „Ich habe auch an keiner Demo gegen Corona-Maßnahmen teilgenommen. Ich war dort als Beobachter.“ Er habe die eigene Demo am 27. August angemeldet. Grund war die Entscheidung aus Berlin, dass Demonstrationen verboten werden sollten. Marzischewski-Drewes habe friedlich Freiheit und Grundgesetz verteidigen wollen.

Als er mit Preuß gegen 11 Uhr in Berlin war, „saßen tausende Menschen unterschiedlichster Herkunft friedlich um die Siegessäule“, berichtete er seinerzeit. „Die Stimmung war fröhlich und ausgelassen, vor dem Brandenburger Tor ertönte das Lied der Freiheit und Fahnen verschiedenster Couleur wurden geschwenkt.“ Dass auch Reichskriegsflaggen geschwenkt wurden und Reichsbürger, Rechtsextremisten, Holocaust-Leugner und Verfechter der US-Verschwörungstheorien um die Gruppe QAnon teilnahmen, dazu sagt der AfD-Kreisvorsitzende: „Sicherlich waren noch einige weitere dubiose und extremistische Gruppierungen vor Ort, aber der überwiegende Teil mehrerer 10.000 Personen haben mit diesen Leuten nichts gemein und ich auch nicht.“ Laut Berliner Verfassungsschutz waren es rund 2500 bis 3000 Menschen aus der rechtsextremistischen und der Reichsbürger-Szene.

Auch wenn auf den Fotos weder er noch Preuß einen Mund-Nasenschutz tragen, stimmt Marzischewski-Drewes zu, dass Ärzte Vorbild beim Einhalten der Abstands- und Hygieneregeln sein sollten. „Ich habe gegen keine Regeln verstoßen. Bisher gab es nicht ein einziges Arzthaftungsverfahren gegen meine Person.“ Er verweist darauf, dass der Leiter des Gesundheitsamtes ihn während der Sitzung des Gesundheitsausschusses am 1. September nicht in Quarantäne schickte und keinen Corona-Abstrich anordnete.

Auf den Fotos sei er alleine oder einmal mit Herrn Preuß zu sehen – zu zweit, nicht in einer Gruppe. „Ich wollte klar Gesicht zeigen. Zur Demo gab es keine Mundschutzpflicht. Berlin ist und war kein Hotspot“, so der Gifhorner Arzt. Sein freiwilliger Corona-Test sei negativ ausgefallen, ebenso wie zwei Antikörpertests Ende Juni und im September.

Unternehmenssprecherin: Hygienemaßnahmen werden konsequent umgesetzt

Kritische Reaktionen gab es auch an den Arbeitgeber von Marzischewski-Drewes. Das MVZ gehört zum Helios-Geschäftsbereich Ambulante Medizin und nicht zum Helios Klinikum Gifhorn. Unternehmenssprecherin Caterin Schmidt sprach aber nicht von Beschwerden, sondern von weniger als fünf Anfragen, „die wir bereits beantwortet haben.“

Schmidt erläutert: „Wir haben nach den Ereignissen das persönliche Gespräch mit Herrn Marzischewski-Drewes gesucht.“ Dem Unternehmen sei die Wirkung des öffentlichen Auftretens von Herrn Marzischewski-Drewes bekannt. „Uns zugetragene und öffentlich bekannte Sachverhalte werden wir selbstverständlich in jedem Einzelfall kritisch bewerten. Sollte es zur Beeinträchtigung des Wohls unserer Patienten und/oder Mitarbeiter kommen, werden wir die arbeitsrechtlich möglichen Maßnahmen ausschöpfen, dies war bisher jedoch nie der Fall“, heißt es in der Stellungnahme. Auch eine gesundheitliche Gefährdung für Patienten oder Mitarbeiter könne derzeit ausgeschlossen werden. „Wir können versichern, dass in der radiologischen Praxis des MVZ seit Beginn der Covid-19-Pandemie sämtliche Hygienemaßnahmen konsequent und von allen Mitarbeitern umgesetzt werden.“

Lesen Sie dazu auch den Bericht „Gifhorner AfD-Politiker posieren auf Fotos mit Reichsbürger“

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