Gifhorner Historiker Grieger nennt Gründe für Straßenumbenennung

Gifhorn.  Prof. Dr. Manfred Grieger sagt, wie seine Geschichtsforschung zu Gifhorns Straßennamen einzuordnen ist.

Vortrag im Gifhorner Rathaus zur Geschichte der Stadt Gifhorn

Vortrag im Gifhorner Rathaus zur Geschichte der Stadt Gifhorn

Foto: Reiner Silberstein / Archiv

Der Rat der Stadt Gifhorn steht vor der Entscheidung: Soll er Straßen, die nach Menschen mit NSDAP-Vergangenheit benannt sind, umbenennen oder nicht? Redakteur Reiner Silberstein sprach darüber mit Prof. Dr. Manfred Grieger, der mit seinen historischen Forschungen die wissenschaftliche Basis für die Diskussion lieferte.

Herr Grieger, Verwaltung, CDU und zuletzt der Kulturausschuss empfehlen, die Namen zu belassen und stattdessen die Biografien zum Thema von Diskussionen, Projekten und Veröffentlichungen zu machen. Ist das der gängige Weg auch in anderen Städten?

Die meisten Städte haben gar nichts gemacht. Insoweit muss wohl anerkannt werden, dass sich Gifhorn intensiv mit der Thematik auseinandersetzt. Eine öffentliche Debatte darüber ist immerhin ein wichtiger Schritt. In anderen Städten, beispielsweise Hannover, sind bislang auch nur in Einzelfällen Schlussfolgerungen gezogen worden, als der Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz umbenannt wurde. In Wolfsburg ist dagegen die Hinrich-Wilhelm-Kopf-Straße beibehalten worden. Aus der Geschichtsforschung lässt sich ohnedies keine eindeutige politische Entscheidung ableiten. Eine Pflicht zur Umbenennung gibt es aus wissenschaftlicher Sicht angesichts der unterschiedlichen Bewertungen von Historikern nicht.

Aber warum hat die Verwaltung keine Kriterien finden können, wann eine Straße umbenannt werden sollte?

2019 habe ich Kriterien formuliert – NSDAP-Mitgliedschaft, Beteiligung am NS-Herrschaftssystem, Regimerepräsentant durch antijüdische Maßnahmen, Nutzung von Zwangsarbeit, medizinische Versuche an Menschen, Sterilisierungen, Anstaltsmord und so weiter und/oder nachträgliche Legitimierung der NS-Herrschaft – und stand im Kontakt mit Fachbereichsleiter Klaus Meister. Einen formellen Austausch mit den Fraktionsspitzen gab es aber nicht. Das wäre vielleicht wünschenswert gewesen. Die Frage ist ja: Was sind denn die problematischen Fälle, die eine Umbenennung verhindern? Hängt man so sehr an Porsche? Oder ist es eher Herbert Trautmann? Ich spüre eine gewisse Hartleibigkeit, nicht zu wollen. Ich persönlich würde keine Straße nach jemanden benannt lassen, der an der Euthanasie beteiligt war. Aber will die Stadt einen Entwickler der V1 weiterhin ehren, obgleich eine Städtepartnerschaft mit der britischen Stadt Luton besteht?

Die AfD sagt, Sie als Historiker seien gescheitert, weil keine Kriterien gefunden wurden.

Aber das war gar nicht der Auftrag meiner Forschung. Ich sollte nur herausfinden, um welche Personen es geht und was über ihre Tätigkeiten während der NS-Zeit gesagt werden kann. Das waren Vorbereitungen für die politischen Entscheidungen von gewählten Ratsmitgliedern.

Mehr noch, die AfD wirft Ihnen vor, „das Lebenswerk lokaler Persönlichkeiten wie Herbert Trautmann nachhaltig beschädigt“ zu haben. Hat die AfD Recht?

Nicht ich bin der NSDAP beigetreten, sondern Herr Trautmann. Ich habe mich auch nicht in SA-Uniform ablichten lassen. Interessant, dass meine Forschungsergebnisse als Beschädigung aufgefasst werden – das lässt mehr Schlüsse über die AfD zu als über meine Arbeit.

Das Bündnis „Bunt statt Braun“ fragt sich, warum Namen wie Friedrich Ackmann und Christian Olfermann wieder von der Liste der Verwaltung verschwunden sind. Wissen Sie es?

Ja. Auf einem Stadtplan der 1980er-Jahre war ein Fußweg am Schloss mit dem Namen Ackmanns bezeichnet, er ist aber nie formell vom Stadtrat so benannt worden. Das war wohl eher eine landläufige Bezeichnung. Deshalb fielen der Weg und der Name wieder heraus. Zu Olfermann: Vater und Sohn hießen gleich, die Benennung geschah aber nach dem Älteren, nur der Jüngere war Mitglied der NSDAP. Mit einer Erläuterung per QR-Code am Straßenschild ließe sich das für Interessierte erläutern.

Wenn die Stadt sagt, sie will keine Umbenennung, drückt sie sich dann nicht um schwierige Entscheidungen?

Nun, das ist auch eine Frage der Konsistenz. Die Rattay-Straße ist schon umbenannt worden. Sicherlich taucht die Frage auf: Warum gilt das nicht auch für die Ludwig-Kratz-Straße, obgleich Kratz nachweislich jüdische Einwohner aus antisemitischen Gründen benachteiligt hat?

Willy Knerr (CDU) hat im Ausschuss die Meinung vertreten, dass ein Straßenname „keine immerwährende Ehrung“ sei, sondern nur eine „zur Zeit der Benennung“. Man solle sie eher auch als Mahnung verstehen. Teilen Sie seine Auffassung?

Dass der Stadtrat Straßennamen nur als Moment-Ehrung auffasst, ist zumindest eine bislang nicht erläuterte Position, wenn ich beispielsweise an die Anne-Frank-Straße denke. An ihre Person wollte doch wohl der Rat dauerhaft erinnern. Andererseits gab es wohl auch Benennungen ganz ohne tieferes Nachdenken: Warum wollte die Stadt Anfang der 2000er Jahre Gerhard Fieseler, das Entwicklunsgunternehmen der V1, ehren? Als Mahnung könnte man Namen stehen lassen, wenn erkennbar gemacht würde, dass der Rat einst eine falsche Entscheidung getroffen hat.

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