160 Tage weht die rote Fahne – Braunschweig macht Revolution

Braunschweig.  Historiker Hans-Ulrich Ludewig legt sein Buch über die Revolution 1918/19 in Braunschweig vor. Es ist ein wissenschaftlicher Polit-Thriller.

Symbolische Erinnerung: Vor zwei Jahren brachten Besucher eine rote Fahne auf der Aussichtsplattform der Quadriga an.

Symbolische Erinnerung: Vor zwei Jahren brachten Besucher eine rote Fahne auf der Aussichtsplattform der Quadriga an.

Foto: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de/Archiv

Bis heute und ungebrochen aktuell ist das Ringen um Demokratie – und um ihre Bewahrung. Vor allem gesellschaftliche Umbrüche, Kampf um Macht und letztlich Konsens und Legitimität bringen das politische Laboratorium immer wieder zum Brodeln – doch so hitzig, so spektakulär, auch explosiv, in jedem Falle schicksalhaft wie in jenen 160 Tagen vom
8. November 1918 bis zum 17. April 1919 in Braunschweig ist Geschichte sogar in Deutschland selten.

Ein kleines Land unterwegs zur Räterepublik – dann schickt Berlin Truppen an die Oker

Wenn dann auch noch ein kleines Land namens Braunschweig die Hauptrolle spielt, den Herzog verjagt (am 8. November), Soldaten im Schloss wohnen lässt, der Reichsregierung in Berlin den Kampf ansagt, unter seiner Führung die Abspaltung einer nordwestdeutschen Räterepublik als Großbraunschweig (mit Seehafen!) betreibt, aber auch den Anschluss an das revolutionäre Russland nicht ausschließt, dann horcht man unwillkürlich auf.

Wenn sich in diesem Braunschweig dann auch noch wie unterm Brennglas das ewige Dilemma einer Revolution zwischen Umsturz und Kontinuität, Radikalität und Kompromissbereitschaft, der historische Riss zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum und dann auch noch ein Verfassungskonflikt vom Feinsten zwischen Parlament und Räten wie kaum sonstwo in scharfen Umrissen abzeichnet, richtig gut geschrieben, garniert mit Anekdoten, unglaublichen Zitaten und messerscharfen Analysen, dann ist Lesevergnügen wie im historischen Krimi angesagt.

Hans-Ulrich Ludewigs These: Auffallend oft ist Braunschweig früher, radikaler, polarisierter als andere

„Babylon Berlin“ an der Oker, könnte man es formulieren, aber das wird dem Lehrmeister Hans-Ulrich Ludewig natürlich nicht gefallen. Ein gut lesbares Werk wollte er schaffen, hat er auch, wenngleich sich die notwendigen Anmerkungen und Anhänge selbstverständlich ebenfalls finden. Machen wir es kurz: Sein jetzt erschienenes Buch „160 Tage weht die rote Fahne“ ist die noch ausstehende Standarddarstellung der Revolution in Braunschweig 1918/19.

Historiker Ludewig (77), bis 2008 Akademischer Direktor am Historischen Seminar der TU Braunschweig, schafft dabei den Spagat zwischen lokalem Geschehen mit vielen Details, auch Skurrilitäten, und der „großen Linie“ auf nationaler Ebene nach dem Ersten Weltkrieg. Seine These: Auffallend oft ist Braunschweig früher, radikaler, polarisierter als andere.

Kühner übrigens auch mit einem gewaltigen Schuss Hybris, denn gegen jede Wahrscheinlichkeit wollen Braunschweiger Revolutionäre einen expansiven Separat-Sozialismus, wenn schon nicht gleich in ganz Deutschland, dann wenigstens für den Anfang mal zwischen Harz und Heide. Aber weil man alles in Braunschweig eben schärfer als anderswo erkennen kann, formieren sich hier auch die bürgerlichen Kräfte als Erste, versammeln sich, veranstalten sogar Demos.

„Fakenews“ schon vor 100 Jahren: Verblüffend oft waren es Gerüchte, die verhängnisvolle Politik auslösten

Das alles wird bei Ludewig vor allem auf einem bereits vorhandenen soliden Forschungsstand aufgearbeitet. Etliche Dokumente hat er neu eingesehen, neu bewertet – und vor allem erstmals konsequent das Stimmengewirr gleich fünf verschiedener Tageszeitungen ausgewertet, die damals im Braunschweiger Land erschienen. Jede atemlose, gnadenlos parteiische Schilderung in den jeweiligen Berichten wirft ein Schlaglicht auf die Zerrissenheit dieser Zeit.

Kombiniert man den peitschenden, polarisierenden Meinungskampf der Presse mit „Heimatzeitung Nr. 6“, dem Gerücht, das von Journalisten ungeprüft übernommen wird, dann entsteht eine Lunte, die nur noch eines Funkens bedarf. So lesen wir bei Ludewig, dass es verblüffend oft Gerüchte waren, die verhängnisvolle Politik auslösten.

Die „Fakenews“ der „Lügenpresse“ konnten verheerende Wirkung haben. Sie berichteten von Exzessen im Schloss, einer Entweihung des Doms, kündeten sogar von einer vermeintlich geplanten standrechtlichen Erschießung von Soldaten, mehr noch, der Entführung eines Berliner Ministers bis nach Braunschweig.

Am Ende blieb das auch in Berlin nicht ohne Wirkung. Bei Reichswehrminister Gustav Noske und anderen reifte in der Summe aller Unbotmäßigkeiten die feste Einstellung, diese Braunschweiger seien verrückt geworden. Man betrachtete sie, wie aus Akten hervorgeht, als eine Art „Eiterbeule“, die es zu beseitigen gelte. Am 17. April ist der Spuk vorbei, da schickt Noske die Truppen. Die rote Fahne brennt.

Einmarsch in Braunschweig und Besetzung der Stadt – eine überflüssige Machtdemonstration

Am Löwenwall gibt’s eine Siegesparade. Tatsächlich handelte es sich beim Einmarsch in die Stadt und bei ihrer Besetzung um eine überflüssige Machtdemonstration. Tatsächlich hatten die Braunschweiger unter dem enormen Druck längst eingelenkt, Forderungen erfüllt, den Generalstreik abgeblasen.

Das alles rankt sich bei Ludewig eindrucksvoll um den Weg jener drei Lokalpolitiker, die wie im Lehrbuch die Verzweiflung zwischen Anspruch und Realität widerspiegeln, dazu die Physik einer unaufhaltsam auseinanderdriftenden Linken. Der radikale kommunistische Präsident August Merges, der zum Kompromiss fähige Radikalsozialist, Räte-Vorsitzende und Ministerpräsident Sepp Oerter und der bürgerlich anschlussfähige Sozialdemokrat Heinrich Jasper, übrigens der einzige lupenreine Demokrat aus diesem Trio. Sie sind die Hauptfiguren in diesem Polit-Thriller mit tragikomischen Zügen.

Was bleibt, ist, dass Demokratie, allgemeines Wahlrecht und mehr auch in Braunschweig von dieser Revolution im November ihren Ausgang nahmen. Ein Startpunkt, eine Massenbewegung, eine Zeitenwende. Auf dem wiedererstandenen Schlossplatz, sagt Hans-Ulrich Ludewig, lohne sich immer wieder ein Nachdenken darüber.

Hans-Ulrich Ludewig: 160 Tage weht die rote Fahne – Revolution in Braunschweig 1918/19. Appelhans Verlag, Braunschweig. Gefördert durch die Braunschweigische Stiftung. 176 Seiten, 18 Euro.

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