Braunschweigs Straßen bleiben weiter leer

Braunschweig.  Die Fahrzeugzahl bleibt weit hinter der Vor-Corona-Zeit zurück. Die WVI-Experten stellen keine Zunahme mehr fest..

Morgen-Verkehr auf dem Altstadtring: Kein Stau ­– Autofahrer haben freie Fahrt.

Morgen-Verkehr auf dem Altstadtring: Kein Stau ­– Autofahrer haben freie Fahrt.

Foto: STACHURA

Mitunter ist die Normalität ganz nahe. Die Passantenzahl in Braunschweigs Innenstadt hat rund 90 Prozent dessen erreicht, was vor der Corona-Pandemie üblich war. Und wie sieht es mit der Zahl der Autos auf Braunschweigs Straßen aus? Zur Überraschung der Verkehrsforscher verharrt die Menge bei 75 Prozent.

Als vor knapp zwei Wochen der Gesprächstermin vereinbar wurde, glaubte WVI-Geschäftsführer Dr. Tobias Wermuth, „Braunschweigs Rückkehr in die Normalität“ beschreiben zu können. Doch die Ergebnisse der automatischen Verkehrszählungen an Braunschweigs Straßen lassen das nicht zu. Wermuth sagt: „Ich habe die Ergebnisse mit Kollegen in anderen Ballungsräumen diskutiert. Dass es noch keine Rückkehr zur Normalität gegeben hat, wird auch in anderen Städten beobachtet.“

Um die Bedeutung eines Rückgangs von 25 Prozent verständlich zu machen, verweist Wermuth auf folgendes Beispiel: „Während der Sommerferien empfinden Autofahrer die Straßen als leer. Die Zahl der Fahrzeuge fällt in dieser Zeit jedoch nur um sechs bis acht Prozent.“ Rückgänge um gleich 25 Prozent können Verkehrsforscher normalerweise nicht beobachten.

Der Rückgang sei auch noch aus einem zweiten Grund erstaunlich, berichtet Wermuth: „Bus und Bahn fuhren zunächst nicht nur sehr selten, sie wurden zudem von den Fahrgästen gemieden. Normalerweise würde man erwarten: Dies erhöht die Zahl der Autos auf Braunschweigs Straßen.“ Aber so kam es nicht: „Wer zuvor mit Bus oder Bahn gefahren ist, der ist offenbar nicht auf das Auto umgestiegen.“ Als die BSVG ihr Angebot drastisch einschränkte, sei auch die Zahl der Autos am geringsten gewesen: „Wir hatten zunächst einen Rückgang von 50 Prozent.“

Persönlich ist Wermuth der Ansicht: „Staus gab es nicht auf unseren Straßen, wohl aber auf dem Ringgleis.“ Es verläuft direkt hinter dem Büro der Verkehrsexperten. Doch dass Braunschweig auf das Fahrrad und nicht auf das Auto setzt, das sei eine Mutmaßung, räumt Wermuth ein: „Ich bin zwar der Meinung, dass die Zahl der Radfahrer enorm gestiegen ist. Braunschweig verfügt jedoch nicht über die Möglichkeit, vollautomatisch auch die Zahl der Fahrradfahrer genau zu erfassen.“

Wermuth ist mittlerweile nicht mehr sicher, ob auf Braunschweigs Straßen jemals wieder Fahrzeugmengen wie vor der Pandemie unterwegs sein werden. „Es gibt Entwicklungen, die sich widersprechen. Es fehlen zum Beispiel noch die Helikopter-Eltern, die morgens mit einer Servicefahrt ihre Kinder zur Schule oder zur Kita bringen. Großveranstaltungen sind auch noch nicht erlaubt. Und Mitarbeiter von Großbetrieben wie Volkswagen Financial Services sind größtenteils auch noch im Homeoffice. Aber wer sagt, dass dem Homeoffice nicht die Zukunft gehört?“ Zudem: „Erfahrungen aus Österreich zeigen: Dort hat sich in Bussen und Bahnen offenbar niemand mit Corona infiziert.“ Das Infektionsrisiko in Bussen und Bahnen könnte viele kleiner als angenommen sein.

Für die Verkehrsforscher bleibt Braunschweiger weiterhin spannend wie nie. Wermuth: „Mitte Juli beginnen die Sommerferien. Die Zahl der Autos auf Braunschweigs Straßen sinkt dann normalerweise, weil viele verreisen. Verreisen ist dieses Jahr aber höchst kompliziert. Vielleicht lässt sich an den Fahrzeugzahlen ablesen, ob Tatsache wird, was viele glauben: Die Braunschweiger verreisen nicht, sie bleiben Zuhause.“

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