Braunschweiger Kita ist für „Deutschen Kita-Preis“ nominiert

Braunschweig.  In der Kita Siegmundstraße geht es um mehr Mitbestimmung der Kinder. Wird die Kita zum Wunschkonzert?

Kinder der Kita Siegmundstraße beim Frühstück. Künftig werden sie jeden Tag selbst entscheiden können, was und in welchem Raum sie spielen wollen.

Kinder der Kita Siegmundstraße beim Frühstück. Künftig werden sie jeden Tag selbst entscheiden können, was und in welchem Raum sie spielen wollen.

Foto: Philipp Ziebart / BestPixels.de

Max (5) liebt Dinos. Jeden Tag könnte er sich damit beschäftigen. Darf er auch. Die Erzieherin ermuntert ihn dazu, gemeinsam eine Dino-Stadt zu basteln. Beim Umgang mit Schere und Kleber, hat sie beobachtet, hat Max nämlich noch Defizite.

So könnte sie künftig aussehen, die „Offene Arbeit“ in der Kindertagesstätte Siegmundstraße im Siegfriedviertel. „Offene Arbeit“, so nennt man es, wenn Kinder den Tag in der Kita selbstbestimmter verbringen dürfen.

Im Februar soll das neue pädagogische Konzept in der Siegmundstraße starten: Die Blaue, Gelbe und Rote Gruppe werden aufgelöst, die Kinder können sich dann aussuchen, in welchem Raum sie mit wem spielen wollen: in einem der zwei Bauzimmer, im Zimmer für Rollenspiele, im Bewegungsraum, in der Cafeteria samt Spielküche oder im Atelier mit Nähstübchen und Tüftelecke.

„Offene Arbeit“ in Kitas ist nicht unumstritten unter Eltern und Fachleuten

Für die Erstellung des Konzeptes ist die städtische Kita wie berichtet für den „Deutschen Kita-Preis“ nominiert worden.Kita-Leiterin Katrin Lutz freut sich über die Nominierung und ist stolz auf ihr Team, stellt aber auch klar: „Wir sind nicht die erste Einrichtung in Braunschweig, die ,Offene Arbeit’ macht. Wir haben zum Beispiel in der Kita Schuntersiedlung hospitieren dürfen und dort viel gelernt.“ Ihre Kita ist nicht die erste, wird aber auch keinesfalls die letze Einrichtung sein, die dieses pädagogische Konzept umsetzt: Die Stadtverwaltung hat angekündigt, dass „Offene Arbeit“ in den kommenden Jahren in allen städtischen Kitas umgesetzt werden soll.

Katrin Lutz betont, dass es sehr unterschiedliche Ansätze gebe: „Für mich ist das in erster Linie eine Haltung. Ich bin überzeugt, dass Kinder am besten lernen und sich am besten entwickeln, wenn sie sich mit Themen beschäftigen können, die ihnen gerade wichtig sind.“

In der Schule sei später durch die Unterrichtsfächer und den Lehrplan vieles vorgegeben. „Wir wollen uns bei der Arbeit stattdessen an den Interessen der Kinder orientieren, holen sie dort ab, wo sie gerade sind“, so Lutz.

Das Konzept der gruppenoffenen Arbeit und der Partizipation von Kindern ist unter Pädagogen wie unter Eltern durchaus umstritten: Wie viel Entscheidungsmacht sollte man Kindern zubilligen? Geht inmitten der Freiheit nicht die Geborgenheit verloren? Katrin Lutz kennt Vorbehalte dieser Art und möchte klarstellen: „,Offene Arbeit’ heißt nicht, dass die Kinder machen dürfen, was sie wollen. Es gibt feste Regeln, und es gibt eine feste Struktur im Tagesablauf.“

Das Demokratieverständnis und die Lust am Mitgestalten wecken

Mehr Mitbestimmung heißt also nicht, dass die Kita zum Wunschkonzert wird. Katrin Lutz gibt ein Beispiel: Die Kinder hätten die Entwürfe für alle neuen Räume miterarbeitet. Die Cafeteria wünschen sie so: ein runder Tisch mit runden Stühlen, ein eckiger Tisch mit eckigen Stühlen und ein herzförmiger Tisch mit herzförmigen Stühlen. „Die drei unterschiedlich geformten Tische wird es geben. Der herzförmige Tisch ist schon beim Schreiner in Arbeit“, sagt sie. Die verschiedenen Formen der Stühle aber ließen sich nicht umsetzen, allein schon aus finanziellen Gründen: „Weshalb manches nicht geht, erklären wir den Kindern, auch, wenn das für uns mehr Aufwand ist.“ Ziel sei es, ein erstes Demokratieverständnis und Lust am Mitgestalten zu wecken.

Im Februar wird die Kita zwei Studientage nutzen, um die Räume umzugestalten. Katrin Lutz ist stolz, dass alle Kollegen mitziehen – obwohl es anfangs durchaus Skepsis und Ängste gegeben habe. Die Mitarbeiter seien nicht länger für eine feste Gruppe zuständig, sondern jeder Erzieher sei für einen Raum verantwortlich, in dem 72 Kinder in immer neuen Zusammensetzungen spielen. Dass das anfangs vielleicht unübersichtlicher sei, räumt Lutz ein: „Wir werden uns umstellen müssen, müssen künftig anders untereinander kommunizieren“, weiß die 38-Jährige.

Nun sind alle gespannt, ob die Kita Siegmundstraße es ins Finale schafft. Die nötigen Unterlagen für die nächste Runde sind eingereicht: „Wir machen das Schritt für Schritt, wie Beppo, der Straßenkehrer“, sagt Katrin Lutz verschmitzt.

DER PREIS

Der „Deutsche Kita-Preis“ wird ausgelobt vom Bundesfamilienministerium sowie der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Vergeben wird die Auszeichnung für besondere Qualität in der frühen Bildung.

1500 Kitas aus ganz Deutschland haben sich in diesem Jahr um den Preis beworben. 25 Einrichtungen wurden nominiert. Zum Jahresende wird entschieden, welche 10 Kitas ins Finale kommen.

Die Sieger werden im Mai bekannt gegeben: Der 1. Platz ist mit 25.000 Euro dotiert, die vier Zweitplatzierten können sich über je 10.000 Euro freuen. Zudem gibt es einen Eltern-Sonderpreis.

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