„Die Angst ist nicht logisch“

Braunschweig  Der Braunschweiger Dirk hat 2012 die Diagnose „HIV positiv“ erhalten. Anlässlich des Weltaidstages spricht er über Krisen und Selbsthilfe.

Der HIV-positive Dirk unterstützt Betroffene, die gerade erst ihre Diagnose erhalten haben.

Der HIV-positive Dirk unterstützt Betroffene, die gerade erst ihre Diagnose erhalten haben.

Foto: Peter Sierigk

. Da ist diese Angst in den Köpfen – eine Angst, die sich durch Fakten nicht erschüttern lässt. Die ausgrenzt, stigmatisiert. Das ist das doppelt Tragische an der Diagnose „HIV positiv“. Zur Todesangst, die viele im erstem Augenblick anfällt, gesellt sich Einsamkeit. Wie sag ich es meinem Partner? Wie werden meine Eltern, meine Freunde, meine Kollegen reagieren? Kann ich mich ihnen überhaupt anvertrauen?

Dirk, 51, HIV-positiv, hat all das durchgemacht. „Für mich brach die Welt zusammen. Ich kam anfangs überhaupt nicht zurecht“, erinnert er sich an das Jahr 2012, in dem er fassungslos das Testergebnis in den Händen hielt. Er gehört einer Generation an, in deren Jugend Aids – noch ungebremst durch medizinische Wirkstoffe – gnadenlos nach seinen Opfern griff. „In den 1980er Jahren war HIV als Thema omnipräsent. Ich wusste um die Gefahren und habe mich immer geschützt“, sagt Dirk. „Aber das Leben hält manchmal komische Überraschungen parat.“

Aus eigener Erfahrung weiß der Braunschweiger: „Im ersten Moment der Diagnose ist man allein.“ Deshalb hat er sich vor einem Jahr zum „Buddy“ ausbilden lassen – zum Begleiter anderer Betroffener, die von ihrer Infektion gerade erst erfahren haben. Dahinter steht ein Selbsthilfeprojekt der Deutschen Aidshilfe: HIV-Positive helfen HIV-Positiven. Dirk ist einer von zwei „Buddys“ in Braunschweig. Bei ihm können HIV-Infizierte „alles loswerden, was sie beschäftigt“.

„Erstmal verändert sich alles im Leben“, sagt Dirk. „Ich weiß, wie sich das anfühlt.“ Einen solchen Buddy als Ansprechpartner für die vielen Fragen hätte er sich selbst gewünscht damals. Das ist der Grund, warum er sich heute ehrenamtlich engagiert.

„Wie lange habe ich noch zu leben? Ich bin eine Virenschleuder. Niemand mag mich mehr.“ Diese Gefühle seien einfach da gewesen. Aber man darf die Ängste nicht über die Fakten triumphieren lassen. Das hat Dirk mühsam lernen müssen. „Ich habe lange gebraucht, bis ich verstanden habe, dass meine Virenlast dank der Medikamente unter der Nachweisgrenze ist.“ Ein paar Jahre hat es gedauert, bis er sich seiner Mutter offenbarte. „Sie war schon eine alte Dame, aber es war mir ein Bedürfnis, weil ich merkte, dass ich ihr gegenüber nicht mehr authentisch sein konnte.“ Und wie hat sie reagiert? „Sie war ganz normal zu mir. Das hat mich irritiert und war die beste Reaktion, die sie zeigen konnte.“ Der Kuss und die Umarmung seien ihr Begrüßungsritual geblieben.

Angesteckt mit dem Virus hatte sich Dirk schon Jahre vor der Diagnose. Zwar senken Medikamente die Virenlast in seinem Körper so stark, dass von ihm keinerlei Infektionsrisiko ausgeht, doch ist sein Immunsystem wegen der späten Diagnose dauerhaft geschwächt. Als er zum Arzt ging, habe sein Körper schon erste Anzeichen von Aids gezeigt. „Das Virus konnte jahrelang in mir wüten.“

Deshalb rät er zum regelmäßigen HIV-Test: „Wird die Infektion frühzeitig erkannt, sind die Lebenserwartung und die Lebensqualität nahezu normal.“ Nur: Fakten sind das eine, Ängste das andere. „Die wissenschaftlichen Botschaften kommen nicht an. Und wir können sie schließlich nicht in die Köpfe der Menschen prügeln.“

Dirk verweist auf eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, nach der 90 Prozent der Deutschen nicht wissen, dass HIV-Positive spätestens sechs Monate nach Beginn einer Therapie nicht mehr ansteckend sind. „Stattdessen hängen die alten Vorstellungen aus den 1980er und 1990er-Jahren noch in den Köpfen fest.“ Das reiche hinein bis ins Gesundheitssystem. Vorurteile und Unwissenheit seien weit verbreitete Phänomene im Umgang mit HIV.

Dirk selbst haben die Beschäftigung mit der Infektion und Gespräche mit anderen Betroffenen aus dem seelischen Tief herausgeholfen – ein Prozess, den Umgang mit HIV „von der emotionalen auf die sachliche Ebene zu transportieren“.

Nicht alles ist gut, natürlich. Es gibt Negativbeispiele. Dass sich Freunde oder Geschwister abwenden. Dass Zahnärzte an HIV-Positive nur Sondertermine vergeben, obwohl Standard-Hygienemaßnahmen ausreichen. Irrationale Ängste vor Ansteckung. „Dabei gibt es zum Beispiel im Arbeitsleben keine Situation, in der HIV übertragen werden kann.“

Als Buddy ist Dirk weder Rechtsberater noch Psychologe. Was er mitbringe, sei die „Kompetenz Leben".

Dirk gehört auch zu den ehrenamtlichem Initiatoren der „Positive Lounge Braunschweig.“ Jeden ersten Sonntag im Monat können HIV-Positive, Angehörige und Freunde im Onkel Emma bei Kaffee und Gebäck ins Gespräch kommen. „Wir öffnen einen geschützten Raum für alle, die das Thema bewegt“, werben die Veranstalter für dieses Selbsthilfeangebot. „Reden ist so wichtig“, findet Dirk. Seine persönliche Bilanz mit Blick auf sein Ehrenamt: „Dass aus einer nicht so schönen Geschichte noch eine schöne Geschichte geworden ist und ich mich sozial engagieren kann.“

Infos:

Informationen zum Buddy-Projekt der Deutschen Aidshilfe auf der Internet-Seite: www.sprungbrett.hiv

Positive Lounge Braunschweig für HIV-Positive, Angehörige und Freunde: jeden ersten Sonntag im Monat um 15 Uhr im Onkel Emma, Echternstraße 9. Das nächste Treffen findet an diesem Sonntag, 2. Dezember, statt.

Selbsttest HIV als neues Angebot: Seit Oktober 2018 ist in Deutschland der Selbsttest HIV offiziell zugelassen und in Apotheken und Drogerien frei verkäuflich. Auch in der Aids-Hilfe ist der Selbsttest möglich. Eine Sprechstunde ohne Voranmeldung zum Selbsttest bietet die Braunschweiger Aids-Hilfe, Eulenstraße 5, dienstags von 15 bis 17 Uhr an.

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