Studie: 60 "verlorene Mädchen" in Remlingen
2010-12-07T22:10:00+0100Während der Betriebsphase des Atommülllagers Asse II ist das Geburtenverhältnis besonders stark verschoben
REMLINGEN. Das Verhältnis von Jungen und Mädchen, die in Remlingen geboren wurden, hat sich während der Betriebsphase des Atommülllagers Asse II massiv zuungunsten der Mädchen verschoben. Das geht aus einer neuen -Studie des Helmholtz-Instituts hervor. "Zwischen 1971 und 1979 wäre theoretisch jedes vierte Mädchen verloren gegangen", heißt es in einer Zusammenfassung.
Nach der Betriebsphase habe sich der Unterschied wieder verringert. Im Verhältnis seien aber immer noch zu wenig Mädchen geboren worden.
Die Studie spricht daher von "verloren gegangenen Mädchen". 60 seien es, wenn man den gesamten Untersuchungszeitraum betrachte, der von 1971 bis in Jahr 2009 reiche.
Hagen Scherb, Wissenschaftler beim Helmholtz-Institut in München, hat die Zahlen für Remlingen betrachtet. Er ist vorsichtig mit der Interpretation: "Das Verhältnis von Jungen und Mädchen hat sich verschoben. Das ist unsere Beobachtung. Dass Mädchen verlorengegangen sind, ist eine Hypothese." Sie liege allerdings nahe.
Der Unterschied sei auffällig, sagt Scherb. Dass so etwas zufällig passiere, sei unwahrscheinlich. Betroffen ist laut Scherb an der Asse übrigens nur Remlingen. In den anderen Gemeinden habe man keine vergleichbar auffälligen Veränderungen feststellen können.
Dafür gebe es aber Parallelen zu anderen Gemeinden im Umfeld von Atomanlagen in Deutschland und der Schweiz. Auch dort seien weniger Mädchen geboren worden, als es zu erwarten gewesen wäre. Ähnliche Befunde seien auch nach der Tschernobyl-Katastrophe festgestellt worden.
In der Studie nehmen Mathematiker und Statistiker alle Gemeinden Deutschlands und der Schweiz unter die Lupe. Die Daten für Remlingen stammen vom statistischen Landesamt Niedersachsens.
Bislang handele es sich noch um eine vorläufige Studie. Die Daten aus fünf Bundesländern fehlten derzeit noch.
Die Remlingerin Heike Wiegel vom Verein Aufpassen kommentiert die neuen Zahlen zurückhaltend: "Man muss versuchen, keine Panik zu machen. Aber das klingt noch krasser als die Krebsstudie."
Die Daten, die bislang aus dem Krebsregister vorliegen und eine erhöhte Rate an Leukämie und Schilddrüsenkrebs zeigen, reichten nur bis ins Jahr 2003 zurück, sagt Wiegel: "Es wird spannend zu sehen, was herauskommt, wenn sich alle gemeldet haben, die in der Umgebung der Asse an Krebs erkrankt sind."


