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Wolfenbüttel

Der Beginn des Asse-Skandals lässt sich ziemlich genau terminieren

Historiker Detlev Möller: Behörden wussten vor 40 Jahren, das Bergwerk säuft ab

Frank Wöstmann

WOLFENBÜTTEL. Das war die etwas andere Asse-Veranstaltung. Als gestern Abend das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in die Lindenhalle eingeladen hatte, ging es nicht um Wege zur Lösung der Probleme im maroden Atomlager, wie in all den anderen Foren, die sich regelmäßig treffen. Im Mittelpunkt stand vielmehr die Geschichte.

"Wie konnte es zu dem Desaster kommen?", fragte Dr. Detlev Möller, Historiker und Referent des Abends. Im Rahmen seiner Doktorarbeit hatte er untersucht, wie die Frage der Endlagerung von Atommüll in Deutschland zwischen 1955 und 1979 von Behörden und Beratern wahrgenommen wurde. Einen kleinen Ausschnitt präsentierte er den mehr als 300 Zuhörern in der Lindenhalle, darunter Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, BfS-Präsident Wolfram König und Landrat Jörg Röhmann.

Kaum noch zu erschüttern

"Die Grundlage des eigentlichen Skandals ist, dass den Verantwortlichen schon 1967 klar war und sogar in den Akten festgehalten wurde: Innerhalb von Jahrzehnten bleibt kein Raum des Asse-Bergwerkes trocken, sondern sie wird vollständig mit Salzlauge gefüllt sein", zitierte Möller. Das so genannte Absaufen des Salzstocks sei somit billigend in Kauf genommen worden – und bis 1978 wurden tausende weiterer Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Müll eingelagert. Da ging dann doch ein Raunen durch den Saal, in dem vor allem Menschen saßen, die ansonsten so leicht nichts mehr erschüttern kann an überraschenden und unglaublichen Informationen zu Asse II.

Möller zählte auf, wie der Salzstock bei Remlingen – ebenso wie parallel eine geplante Kaverne an der Küste – zu Beginn tatsächlich als Testphase für spätere Endlager konzipiert war, "als Prototyp sozusagen". Doch ein Personalwechsel im Ministerium führte 1968 auch zu einem Paradigmenwechsel. Der bis dahin größte Mahner wurde kaltgestellt. Plötzlich hieß es, die Asse erfülle die erforderlichen Sicherheitsstandards "aller Aktivitätsklassen von Atommüll". "Da", unterstrich Möller, "da begann das Desaster."

Wenn auch deutlich wurde, dass der Referent nur eine Kurzfassung seiner Arbeit vortrug (das Buch hat 390 Seiten), so erhielt er doch spontan aus dem Publikum die Einladung, sich mal mit den historischen Entscheidungen auf kommunaler Ebene zu befassen. "Das nehme ich gerne wahr", sagte Möller.

Das BfS bleibt am Ball

Wolfram König kündigte ebenfalls an, das BfS werde die politische und wissenschaftliche Aufarbeitung fortführen. "Wer nicht aus der Geschichte lernen will, ist verdammt, sie zu wiederholen." Sigmar Gabriel wunderte sich, dass nicht spätestens 1983 die Diskussion um die Sanierung von Asse II begonnen wurde. Nun aber rücke die Sanierung näher. "Für 2,5 bis 4 Milliarden Euro."

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Veröffentlicht: 10.07.2009 - 22:00 Uhr
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