Zu wenig Platz für neue Ideen
Braunschweig Nur wenige Eltern bewerteten den Gebäudezustand ihrer Kita mit der Note Eins. Von der Gesamtnote „3“ wichen vor allem ältere Gebäude ab.
Früher einmal war die Fassade der Kita Broitzem weiß. Heute ist sie grau meliert, an mehreren Stellen bröckelt der Putz von der Außenwand. Die Fenster des Flachbaus sind einfach verglast, es zieht innen drin. Kein schöner Zustand, befanden mehrere Kita-Eltern. Insgesamt 16 Eltern benoteten die Einrichtung bei unserer Fragebogen-Aktion beim Punkt baulicher Zustand mit der Note 4.
Für Einrichtungs-Leiter Michael Leipnitz keine große Überraschung. „Das Gebäude ist knapp 40 Jahre alt und wurde seitdem nicht mehr grundsaniert“, erklärt er. Die Kita wird vom Paritätischen betrieben, das Gebäude gehört aber der Stadt. Kleinere Mängel meldet der Träger direkt an die Stadt. Ob der Komplex abrissreif ist oder nicht, entscheidet die Stadt selbst.
Jede Gruppe hat nur einen Raum
Drei Gruppen zu je 25 Kindern sind hier untergebracht, die Kita ist bis auf den letzten Platz ausgebucht. Im Gegensatz zu neueren Einrichtungen steht jeder Gruppe nur ein Raum zur Verfügung. Einzige Ausweichmöglichkeit ist der Flur. Seit kurzem ist die Einrichtung eine MINT-Kita. Um die Kinder aber tatsächlich in den naturwissenschaftlichen Fächern fördern und mit ihnen naturwissenschaftlichen Experimente durchführen zu können, räumen die Erzieherinnen derzeit ihren Mitarbeiterraum aus. „Es mangelt uns an Platz, keine Frage“, stellt Leipnitz fest. „Aber wir arrangieren uns eben mit dem, was wir haben.“ Vor 15 Jahren habe man erstmals einen Antrag auf weitere Räumlichkeiten gestellt. Stattdessen sei man vertröstet worden, es werde eine zweite Kita in Broitzem gebaut. „Diese kam dann auch. Vor zwei Jahren“, sagt der Kita-Leiter und lacht.
25 Kinder auf circa 35 Quadratmeter
Ein Rundgang durch die Räume. Jeweils 25 Kinder sind hier in einem circa 35 Quadratmeter großem Raum untergebracht. „Die Kinder signalisieren uns, dass sie sich hier wohl fühlen“, so Leipnitz. „Aber wenn man bedenkt, wie die Anforderungen in der frühkindlichen Bildung gestiegen sind, frage ich mich, wie wir das hier zukünftig bewältigen sollen mit diesen Rahmenbedingungen.“ Es gibt keine Schlafräume und keine Nebenräume. Auf den Außengelände fehlt eins der großen Spielgeräte. „Das wurde vor anderthalb Jahren abgebaut, weil es baufällig war. Seitdem warten wir auf ein neues“, erklärt Leipnitz.
Zurück in der Stadt. Konfrontiert mit den Einschätzungen unserer Leser reagiert Udo Matisky, Abteilungsleiter Kinder- und Jugend beim Paritätischen, gelassen. „Solche Einrichtungen wie die in Broitzem oder Geitelde entsprechen natürlich nicht mehr den heutigen Vorstellungen“, sagt er. Es gebe in Braunschweig mehrere Kitas und Schulen, die vor rund 40 Jahren gebaut wurden. Alle befänden sich in einem ähnlichen Zustand. „Ein Gebäude, in dem tagtäglich rund 70 Kinder toben und spielen, ist schneller verbraucht als ein normales Wohnhaus“, erklärt Matisky. Zudem sei keine dieser alten Einrichtungen für einen Ganztagsbetrieb gebaut. Es gebe keine richtigen Küchen und eben zu wenig Platz. „Aber wir sind in diesen Kitas eben nur der Betriebsträger, und die Stadt wird finanziell beim Thema Kita und Krippe vom Land allein gelassen und hat nicht endlos Geld zur Verfügung“, stellt Geschäftsführer Henning Eschemann fest. „Wir würden uns dennoch wünschen, dass die Stadt sich nicht nur auf den Krippenausbau, sondern auch den Zustand dieser älteren Gebäude im Blick hätte“, fügt er hinzu. Denn dass es trotz Geldmangel gelingen kann, gemeinsam andere Wege zu finden, zeige das Beispiel der Nachbarschaft. In Salzgitter hat der Paritätische auf eigene Kosten einen Kindergarten gebaut – im Auftrag der Stadt. „Es gab eine Mischfinanzierung und eine klare Aufgabe an uns“, erklärt Eschemann. „Die Stadt brauchte eine weitere Kita- und zwei Krippengruppen, wir wollten selbst eine I-Gruppe und zwei Sprachheilgruppen mit viel Platz errichten“.
Die Stadt beteiligte sich mit 1,4 Millionen, das Land mit 300 000 Euro und der Paritätische mit 700 000 Euro. Entstanden ist ein rund 1400 Quadratmeter großes Gebäude mit Platz für 100 Kinder. „Jeder Gruppe steht ein Gruppen-, Schlaf- und Nebenraum zur Verfügung“, erzählt Matisky. „Zusätzlich gibt es eine zweie Spieletage, um den Kinder Rückzugsmöglichkeiten zu geben und ein großer Bewegungsraum.“ Die Räumlichkeiten würden es ermöglichen, das pädagogische Konzept des Trägers, so auszuleben, „wie es in den Räumlichkeiten zum Beispiel in Broitzem nur beschränkt möglich ist“, sagt Matisky. Schon lange habe man erkannt, dass die Förderung aller wichtigen Grundkenntnisse – von Sprache, Motorik, sozialen und kognitiven Fähigkeiten – viel mit Bewegung zu tun habe. „In unseren neuen Einrichtungen wird jegliches Lernen in den Alltag und in die Bewegung integriert“, erklärt der Kinder- und Jugendbeauftragte. Sicherlich würden auch die Erzieher in Broitzem eine gute Arbeit leisten. „Aber eben nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten.“
Kitas Watenbüttel und Querum auch Note 4
Mit der Note 4 bewerteten auch mehrere Eltern der städtischen Kita Querum und der evangelischen Kita Watenbüttel den baulichen Zustand. Letztere besteht aus drei getrennten kleinen Häusern, das älteste davon wurde 1958 erbaut. In jedem Haus gibt es einen Gruppen- und keinen Nebenraum. Da es nur eine Küche gibt, muss das Essen zwischen den Häusern hin- und hergetragen werden, wie Leiterin Veronica Meyer mitteilte. Auch gebe es nur einen Wickelraum für alle. Die Häuser seien baulich aber gut in Schuss.
Auf Anfrage unserer Zeitung antwortete die Stadt, dass man über den baulichen Zustand aller städtischen Gebäude informiert sei. Die Liegenschaften würden einmal jährlich begutachtet. In den letzten drei Jahren habe die Stadt 28 000 Euro für Instandhaltungsmaßnahmen in Broitzem und 160 000 Euro in Querum investiert. Im Rahmen des Kita-Sanierungsprogrammes investiere Braunschweig in diesem und denn nächsten Jahren rund 13 Millionen Euro. Das Spielgerätes konnte im letzten Jahr aus finanziellen Gründen nicht ersetzt werden.
